Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Bildende Kunst und Musik. 699 
gange seiner zweiten fruchtbaren Periode stand. Schindler, 
der hingebende Freund der späteren Jahre Beethovens, erzählt 
uns eben von jener Neuinszenierung des „Fidelio“ im Jahre 
1822 eine Episode, die einen erschütternden Einblick in das 
Seelenleben des Meisters in dieser Zeit gewährt. Beethoven 
wollte die Oper selbst dirigieren und leitete daher die letzte 
Probe. Aber schon nach den ersten Szenen ergab sich, daß 
es unmöglich war: Beethoven hörte nichts mehr. Doch nie— 
mand wagte, ihm das Furchtbare zu sagen. Da endlich fragte 
er selbst; und Schindler schrieb ihm wenige Worte auf. Er 
eilte aus dem Theater, warf sich zu Hause aufs Sofa, stumm, 
und bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen. Schindler schließt 
seinen Bericht mit dem Satze: „Von der Einwirkung dieses 
Schlages hat er sich nie mehr ganz erholt.“ 
Der taube Meister dieser Jahre und der vorhergehenden 
Zeit, der Periode von etwa 1818 bis 1824, war es, der der 
Welt die Neunte Symphonie und die „Missao solemnis“ ge— 
schenkt hat. 
Man hat wohl gesagt, daß die musikalischen Perioden 
Beethovens mit durch sein Gehörleiden bestimmt gewesen seien. 
Es ist möglich. Sicher erscheint, daß die unfruchtbare Periode 
(etwa 1813 bis etwa 1819) die Zeit ist, in der die Schwer— 
hörigkeit in Taubheit überging; die ältesten erhaltenen Kon— 
versationshefte stammen etwa aus dem Jahre 1816. Doch 
sicher ist es oberflächlich, die Perioden der inneren seelischen 
Entwicklung Beethovens nach der Zunahme allein des Gehör— 
leidens abzustufen. Beethoven war eine tief pathologische 
Natur; und erst eine Biographie, die den pathologischen 
Prozeß klarlegt, wird es vielleicht einmal ermöglichen, die 
Anderungen des musikalischen Stiles in unmittelbare Beziehung 
zu tieferen biopsychologischen Motiven zu setzen. 
Fest steht, daß in der letzten Periode des Meisters ein neuer 
Stil auftritt, der sich am einfachsten an den Klavierwerken dieser 
Zeit, schon der Hammerklaviersonate von 1818, namentlich aber 
den letzten Klaviersonaten (1820 bis 1822), in manchen Richtungen 
eingehend auch an den Quartetten (1822) verfolgen läßt. Was
	        
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