Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Bildende Kunst und Musik. 
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gleichen; und insofern schließt der neue Stil ein Heldenleben. 
Aber es ist doch zugleich auch Vorahnung eines künftig 
Werdenden. Wer diesen Stil mit dem neuester Musik, der 
ausgespochenen Musik der zweiten Periode des Subjektivismus 
vergleicht, der findet tausend Ähnlichkeiten und tausend Anlässe 
wenigstens zur Erinnerung: ihm erscheint dieser letzte Stil 
Beethovens wie ein Vorläufer dessen, was in der Gegenwart 
werden will, nur von der dünnen und schlanken Keuschheit des 
eben erst Keimenden, vielleicht auch ein wenig von der Leere 
des Alters. Um einen Vergleich zu wagen: wie sich Runges 
symbolische Blätter, der Morgen etwa oder der Abend, in 
ihrer schwankend-zerbrechlichen Ornamentik, in der schüchternen 
Verwendung von Gänseblümchenmotiven und Motiven der 
blauen Blume und in ihrer bescheidenen Farbigkeit von der 
Ornamentik des Impressionismus mit seinen Lilienstengeln und 
Orchideen und der dichten Glut seiner Farbengebung unter⸗ 
scheiden: so stellt sich die letzte Musik Beethovens, wenigstens 
was die Klavier- und Kammermusik betrifft, zur Musik der 
jüngsten Zeiten. 
Die größten Werke dieser Spätzeit waren die „Missa 
solemnis“ (1818 - 1822) und die Neunte Symphonie (1817 
bis 1824). 
Zu der Zeit, da sich Beethoven mit der großen D-dur- 
Messe beschäftigte, schrieb er in sein Tagebuch das kurze 
Gebet: „O höre stets, Unaussprechlicher, höre mich, deinen 
unglücklichen, unglücklichsten aller Sterblichen!“ Und Schindler 
versichert, Beethoven „sei vor und niemals nach jener Zeit 
mehr in einem solchen Zustand absoluter Erdenentrücktheit“ ge— 
wesen. Denn Beethoven war es ernst mit seinen religiösen 
Gefühlen, doppelt ernst, wenn er sie in die Formen eines für 
ihn archaischen Glaubensbekenntnisses zu gießen hatte. Er 
hatte sich aus Champollions „Gemälde von Ägypten“ zwei Auf—⸗ 
schriften vom Tempel der Göttin Neith abgeschrieben und ein— 
gerahmt auf seinen Schreibtisch aufgestellt: „Ich bin, was da 
ist. Ich bin alles, was war und was sein wird; kein sterb— 
licher Mensch hat meinen Schleier aufgehoben.“ Und: „Er ist
	        
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