Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Zweiundzwanzigstes Buch. 
einzig von ihm selbst, und diesem Einzigen sind alle Dinge ihr 
Dasein schuldig:“ Durchgedrungen war er zu jenem enthusia⸗ 
sttischen Pantheismus, wie er doch deistische Elemente nicht 
ausschloß, der als das gemeinsame Glaubensbekenntnis der 
Großen der frühen Zeiten des Subiektivismus bezeichnet 
werden kann. 
Aus diesem Glauben, aus dieser frommen Haltung heraus 
hat Beethoven, demütig auch vor den Offenbarungen des 
Thristentums, seine Messe gedichtet. Und welcher wenn auch 
subjektiven Versenkung in die Geheimnisse selbst dieser Welt 
erwies er sich fähig! Welche Stufenleiter von Empfindungen 
von dem bittenden Kyrie Eleison des Anfangs zu dem jubelnden 
Gloria, von dem festen und doch in seiner Gewißheit alle 
Zweifel überwundener Kämpfe offenbarenden Credo zu dem 
sanft erregten Benédictus, qui venit in nomine domini, 
mit dem das Überirdische sinnlich Einzug hält in gefühlvolle 
Herzen! Und wie sie zum Herzen geht, so ist diese Musik mit 
Herzblut geschrieben: wo sonst erscheint das Credo gleich 
majestätisch in seinen kosmologischen Grundlagen, gleich innig 
in seinen geschichtlichen Heilstatsachen, gleich jubelnd in seinen 
künftigen Hoffnungen gedolmetscht? 
Dennoch: was den Meister letzten Endes und höchsten 
Zieles bewegte, was sein persönliches Glaubensbekenntnis war 
und seine künftige Gewißheit, das hat er erst in der Neunten 
Symphonie als unvergänglichstem Denkmal seiner Persönlichkeit 
hinterlassen. Und es hat sich, eine Prophezeiung des Genius, 
ils die spes erwiesen venturi saeculi. 
Beethoven war, bei aller Tragik seines Lebens, wie jeder 
große Künstler, im Grunde Optimist. Denn er schuf; und 
Schaffen heißt Seligkeit. Und so suchte er das Glück nicht 
erst jenseits der dunkelnden Horizonte dieser Erde: auf ihr 
selbst schon wollte er es genießen und genoß es in der stillsten 
aller Einsamkeiten, dem Alleinsein des Schöpfers. Das ist 
hm die große Freude, die Freude, an die er glaubte als eine 
dereinst allen erschließbare diesseitige Seligkeit, von der er 
neinte, daß sie in den schönen Tagen Griechenlands schon
	        
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