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Zweiundzwanzigstes Buch.
der Philosophie und suchte die Philosophie durch Psychologie
zu bessern; 1775 untersuchte Losfius „die physischen Ursachen
des Wahren“, und 1776 übergab Tetens die philosophischen
Versuche über den menschlichen Verstand der Offentlichkeitn.
Allein von all diesen Autoren hielt eigentlich doch nur
Lambert am erkenntnistheoretischen Probleme völlig fest und
kann deshalb als wirklicher Vorgänger Kants bezeichnet werden.
Von den übrigen war Tetens wohl der bedeutendste; auch von
Kant ist er hoch geschätzt worden; sein Buch hat beständig auf⸗
geschlagen auf Kants Tische gelegen. Allein er war im wesent⸗
lichen nur Psycholog, und indem er auf psychologischem Wege
die erkenntnistheoretischen Fragen zu beantworten suchte, geriet
er auf abschüssige Bahnen bei aller Energie und Freiheit des
Denkens.
Lambert dagegen ging ganz auf den Wegen einher, die
dann auch Kant betreten hat; nur begrenzte er seine Unter—
suchungen, ein ausgezeichneter Mathematiker und Physiker,
wesentlich auf die Probleme seiner Wissenschaften. Aber auch
hierfür mußte er die volle, allgemeine Grundlage zu gewinnen
suchen, auf der Kant später sein System aufbaute; und dies ge⸗
lang ihm. Schon er hat eine klare Vorstellung davon, daß in
der Erkenntnis zwei Faktoren zusammenwirken, ein ideeller, in
uns gegebener, von der Erfahrung unabhängiger (die Form des
Denkens), und ein empirischer, von der Wahrnehmung ab⸗
hängiger (die Materie). Sie zu scheiden sei eben die Aufgabe.
Und Lambert versucht das vermöge einer Anatomie gleichsam
der Begriffe, er will „auf gut anatomische Art“ die Begriffe
sämtlich vornehmen, um zu sehen, welche von ihnen einförmig
und nicht mehr auf andere zurückführbar seien. Von diesen
glaubt er dann auf die ideelle Seite der Erkenntnis, die Form,
gelangen zu können. In der Tat erhält er nun eine Anzahl
solcher Begriffe, besonders aus der Mathematik, aber auch aus
der Mechanik, z. B. die Begriffe des Bewußtseins, der Existenz,
der Einheit, der Dauer, der Succession, der Solidität, der
Riehl 1, 175.