Neue Weltanschauung. 343
Ausdehnung, der Bewegung, der Kraft, des Wollens. Und er
schreitet auf der Grundlage dieser Erkenntnis schon zu dem
Satze fort: „Wenn man annimmt, daß die Begriffe Zeit
und Raum einfach sind, so sind sie von der Erfahrung un—
abhängig und folglich die Wissenschaften der Mathematik und
Chronometrie, da sie weiter nichts als diese Begriffe gebrauchen,
im strengsten Verstande s priori.“.
Allein woran Lambert trotz aller dieser Einzeleinsichten
scheiterte, das war die Schwierigkeit, diese sporadisch gefundenen
reinen Begriffe nun systematisch aufzuklären, ihre Gesamtheit
auf gewisse Grundprinzipien zurückzuführen und dann schließ—
lich durch sie hindurch zu einer klaren Charakteristik unseres
Denkvermögens zu gelangen.
In der Vollendung dieses Weges besteht daher auf er—⸗
kenntnistheoretischem Gebiete das Verdienst Kants; und in seiner
eritik der reinen Vernunft (1781) hat er das bis dahin noch
halb verschlossene Gebiet völlig erobert. Es geschah ebenso⸗—
ehr vermöge einer großen Schärfe des Denkens, als besonders
vermöge einer außerordentlichen Umsicht der Methode. Und
diese Umsicht äußerte sich vor allem in der Ablösung der bis—
herigen fast ausschließlich psychologischen Betrachtungsweise der
Erkenntnisprobleme durch eine absolut ruhige erkenntnis—
cheoretische Forschung.
Seelische Selbstbeobachtung war ja dem neuen Zeitalter
von Anbeginn eigen gewesen; eben ihre Entwicklung konnte
als eines der wichtigsten Symptome für den Eintritt des
neuen Geisteslebens gelten. Aber diese Selbstbeobachtung hatte
sich anfangs nicht so sehr auf die Erfahrung, als auf die
Stimmung bezogen; Empfindungen hatte man zergliedert,
Empfindungen auf den Ursprung ihres Wesens zurückzuverfolgen
gesucht. Es war jene Haltung des Gemütes gewesen, die, an
sich fruchtbar genug, zu den psychologischen und ästhetischen
Untersuchungen von Creutz bis auf Sulzer und darüber hinaus
geführt hatte.
l, 423 zit. Sommer S. 147.