Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

ʒweiundzwanzigstes Buch. 
Demgegenüber ging nun Kant, hierin auch Lambert noch 
weit überragend, von einer höheren, ruhigeren Stufe der 
Selbstbeobachtung aus. Nicht die Empfindungen und Ge— 
fühle suchte er in unvollkommener Untersuchung zu zergliedern 
oder gar auf den Ort ihres Ursprungs zurückzuverfolgen; die 
igentlich psychologische Forschung lag ihm fern. Vielmehr 
das Produkt der menschlichen Geistestätigkeit wollte er zer⸗ 
s'asern, um zu tieferer Einsicht in das Wesen unseres Geistes 
zu gelangen; die Erfahrung, die Begriffe, sollten auf ihren 
Zusammenhang und eventuell ihre Zusammensetzung hin unter⸗ 
ucht werden. Kant war damit der Vertreter einer neuen 
Periode ruhigerer seelischer Betrachtung, welche den ersten 
bewegten Jahrzehnten des subjektivistischen Zeitalters nicht 
mehr angehörte, sondern ihnen folgte: es ist die Stellung, 
auf der unter anderem auch im Tiefsten sein Gegensatz zu 
derder beruht. 
Von diesem Standpunkt der Betrachtung aus meinte nun 
Kant zunächst, „es könne wohl sein, daß selbst unsere Er— 
fahrungskenntnis ein Zusammengesetztes aus dem sei, was wir 
durch Eindrücke empfangen und dem, was unser eigenes Er⸗ 
kenntnisvermögen (durch sinnliche Eindrücke bloß veranlaßt) 
aus sich selbst hergibt, welchen Zusatz wir von jenem Grund— 
stoffe nicht eher unterscheiden, als bis lange UÜbung uns darauf 
mufmerksam und zur Absonderung desselben geschickt gemacht 
habe“. Und eben auf diese Absonderung, und zwar ihre Unter— 
uchung in ganz systematischer Weise, kam es ihm an; und so 
lautete seine Hauptfrage: welches waren die „Zusätze“? 
„Lasset von Eurem Erfahrungsbegriffe eines Körpers alles, 
was daran empirisch ist, nach und nach weg: die Farbe, die 
Härte oder Weiche, die Schwere, selbst die Undurchdringlichkeit, 
so bleibt doch der Raum übrig, den er (welcher nun ganz 
berschwunden ist) einnahm, und den könnt Ihr nicht weglassen.“ 
Also, folgert Kant, ist der Raum ein von Euch gemachter Zu⸗ 
satz Eures nicht weiter auflösbaren, vor den Dingen schon be— 
ehenden, über sie hinausgehenden Anschauungsvermögens. 
Ebenso, wenn Ihr von Eurem empirischen Begriffe eines jeden
	        
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