Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Weltanschauung. 
347 
Art unserer apriorischen Ausstattung neben den Anschauungs⸗ 
formen — wird finden können, indem man die aus der Logik 
bekannten Urteilsformen durchgeht. Indem Kant dies tut, 
ergeben sich ihm folgende Gruppen der Stammbegriffe: Ein⸗— 
heit, Vielheit, Allheit; Realität, Negation, Limitation; Sub— 
stantialität und Inhärenz, Kausalität und Dependenz, Gemein⸗ 
schaft und Wechselwirkung; Möglichkeit und Unmöglichkeit, 
Dasein und Nichtsein, Notwendigkeit und Zufälligkeit. In 
diesen Stammbegriffen also, als etwas durch die seelischen 
Funktionen in uns der Aufnahme der Wahrnehmungen Hinzu⸗ 
gefügtem, sind wir allein imstande, Wahrnehmungen zu Er⸗ 
fahrung zu verarbeiten. Und diese Begriffe umfassen das 
ganze Gebiet dieser Art seelischer Funktionen, denn sie sind 
aus der allumfassenden Logik abgeleitet. Erschöpft sind frei— 
lich mit ihnen die reinen Begriffe des Verstandes insofern 
noch nicht, als sich aus ihnen noch eine große Anzahl weiterer 
reiner Begriffe würde ableiten lassen, z. B. aus der Kausalität 
die Begriffe des Leidens, des Handelns, der Kraft. Indes 
Kant nimmt in der Kritik der reinen Vernunft diese Ab⸗ 
leitung, die an sich nicht schwer ist, nicht vor; es genügt ihm, 
die prinzipielle Grundlegung zu vollziehen; und erst später, 
in seinen Vorlesungen, hat er das ganze System in seine 
Einzelheiten verfolgt. 
Was aber hatte sich nun für Kant bisher im ganzen er⸗ 
geben? 
Unsere seelischen Vorgänge waren jetzt in ihre einzelnen 
Funktionen aufgelöst; es hatte sich unterscheiden lassen, inwie— 
fern in unserem „Gemüt“, wie Kant unseren seelischen Or⸗ 
ganismus als Ganzes nennt, die Wahrnehmung eine Rolle 
spielt und inwieweit neben ihr Momente in Betracht kommen, 
die der Seele selbst als ihr vor aller Erfahrung gegebene 
objektive Formen innewohnen. Dabei hatte sich herausgestellt, 
daß, setzen wir einen einfachen sinnlichen Eindruck auf die 
Seele voraus, eine Einwirkung des Lichtes z. B. oder eines 
Schalles, die Seele sich ihm gegenüber folgendermaßen ver— 
hält: erstens: sie nimmt diesen Eindruck einfach als Emp—
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.