Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Weltanschauung. 
wohl die Altershöhe des Psalmisten erreicht: und seine Lebens— 
dauer war, fast darf man es sagen, weniger ein Werk der 
Natur, als seines eisernen Willens. 
So hat er systematisch und streng gelebt, wie er streng 
und systematisch geforscht hat: denselben Gesetzen unterlagen 
Leben und Lehre. Diese Gesetze aber waren im Grunde doch 
weniger Ausdruck eines überlegenen Verstandes, als einer 
außerordentlichen Lauterkeit des Wesens, einer festen Gewissens— 
zucht und der zähen schottisch-preußischen Grundlage des ge— 
samten Charakters. Frommer Sinn und innerliche Wahr— 
haftigkeit waren Kant ebenso anerzogen wie angeboren; und 
eben von ihnen her ist er zum Philosophen der Selbsterkenntnis 
und Selbstvertiefung geworden. 
So ist denn auch kein Zweifel, daß Kant die erkenntnis— 
theoretischen Arbeiten im Grunde seines Herzens immer nur 
als Vorarbeiten, als Traktate über die Methode einer künftigen 
praktischen Philosophie angesehen hat: hinweg über jedes 
Verständnis, das an die Welt der Erscheinungen auch noch so 
lose gebunden erschien, strebte er stetig hin zu der reinen Höhe 
neuer Lehren über Religion und Sittlichkeit. 
Wie kurz war ihm aber schließlich die Frist für die Be— 
wältigung dieser eigentlichen Aufgaben seines Lebens bemessen! 
Hatte er mit dem Jahre 1781 in der Kritik der reinen Ver— 
nunft den Ausbau seiner Erkenntnistheorie vollendet, so kostete 
ihm deren Verteidigung weniger gegen Angriffe als gegen 
Mißverständnisse noch den größten Teil der Arbeitszeit einiger 
nächsten Jahre. So mußte er, von leicht störbarer Gesundheit 
und darum, trotz aller von ihm versuchter Wahrscheinlichkeits⸗ 
berechnungen, seines künftigen Alters in besonderem Grade 
angewiß, nun jeden Augenblick zusammenraffen, um vor— 
wärts zu gelangen; stets sparsam mit seiner Zeit, wurde 
er seit den achtziger Jahren mit ihr geizig; er erschien nun 
weniger gesellig; Jahre vergingen, ehe er auf einen Brief 
antwortete: bis endlich um 1790 die wesentliche Arbeit getan 
war, die er zur praktischen Philosophie für nötig hielt: 1785 
var die Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, 1786 waren
	        
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