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Zweiundzwanzigstes Buch.
die metaphysischen Anfangsgründe der Naturwissenschaft, 1788
die Kritik der praktischen Vernunft, 1790 die Kritik der Urteils—
kraft erschienen.
Nun mochte Kant, dessen Ruhm inzwischen unaufhaltsam
—
Lebens als Ganzes zurückblicken. Was ihm übrigblieb, war
nur noch eine Auseinandersetzung seines praktischen Systems
mit dem vorhandenen, in Kirche und Staat positiv gestalteten
Gedankeninhalt früherer Zeitalter. Er begann diese Aus—
einandersetzung in den neunziger Jahren mit dem Buche über
die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft (1793);
aber in Berlin der „Entstellung und Herabwürdigung mancher
Haupt- und Grundlehren der Heiligen Schrift und des
Christentums“ verdächtigt und von dem bigott-frivolen Könige
Friedrich Wilhelm II. zum Stillschweigen vermahnt, zudem
bald an geistiger Frische abnehmend und schließlich dem
Marasmus des Alters unterliegend, hat er sie nicht mehr zu
Ende führen können. Im ganzen aber liegen die Prinzipien
seiner praktischen Philosophie dennoch geschlossen vor uns.
Überschaut man sie, so fällt vor allem auf, wie sehr
Kant mit ihnen, trotz aller persönlichen Bedingtheit der Auf⸗
fassung, doch den geistigen Bedürfnissen der achtziger und
neunziger Jahre des 18. Jahrhunderts überhaupt nachkam.
Man sehnte sich damals heraus aus den verworrenen Strö—
mungen eines extremen, nur sich selbst kennenden Subjekti—
bismus, der die Welt der Erscheinungen in Schein, die
Welt der Werte in Spott auflöste. Hatte nun Kant mit
der Kritik der reinen Vernunft dem einen, dem theoretischen
Bedürfnis dieser Richtung genug getan, so befriedigte er jetzt
auch das andere, praktische. das auf die Welt der Werte ge—
richtet war.
Freilich geschah das nicht ohne engen Anschluß an seine
Erkenntnistheorie: mit Recht sah Kant von seinem Stand—
punkte aus in der praktischen Philosophie nichts als eine ge⸗
naue Ergänzung der theoretischen, wenn diese Ergänzung auch
in ihrer besonderen Bedeutung für menschliche Lebensführung