Neue Weltanschauung.
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zu haben, dazu kann es keine Verpflichtung durch andere
geben.“
So ergießt sich die Herbheit dieses Sittengesetzes hinab bis
in einzelne Vorschriften; ein scharfer Höhenwind durchweht
es; durch Welten ist es getrennt von der Sittenlehre des
Rationalismus wie des späteren Positivismus. Dieser Charakter
aber ist ihm gegeben durch die Apriorität des Aufbaus seiner
obersten Prinzipien: über alle Erfahrung hinweg ragt es mit
diesen als eine Forderung innigsten und persönlichsten Glaubens
hinein in die ewigen Firnen der Metaphysik.
Auf diesem Gebiete größter Fragen jeglicher Weltanschauung
aber wirkt es sich nun mit entscheidender Klarheit weiter aus.
Die Kritik der reinen Vernunft war zu dem Ergebnisse
gelangt, daß eine Welt selbstherrschender Vernunft, eine Welt
der Ideen jenseits jener Welt der Erscheinungen stehe, die wir
durch unsere Verstandeskräfte kennen lernen, und der wir nach
dem Charakter der Funktionen dieser diejenigen Gesetze geben,
die sie uns verständlich machen. Und sie hatte über den wesent—
lichen Inhalt dieser ideologischen Welt Gedankenreihen ent⸗
wickelt, in deren Mittelpunkt die Fragen nach dem Dasein
Gottes, nach Freiheit und nach Unsterblichkeit standen.
Zu lösen waren diese Fragen theoretisch freilich nicht;
denn das menschliche Erkenntnisvermögen, trotz seiner aprio⸗
rischen Formen nur auf die Welt der Erscheinungen berechnet,
erschien als unfähig, in die Welt der wahren Wirklichkeit
einzudringen. Diese Welt galt vielmehr, wie wir inzwischen
belehrt worden sind, als zugänglich nur vermittelst des ver⸗
nünftigen Willens, der Sittlichkeit. So können auch seine
großen Probleme, Gott, Freiheit, Unsterblichkeit, erschlossen
werden nicht auf dem Wege des Erkennens, sondern nur auf
dem Wege der sittlichen Forderung. Gott, Freiheit, Unsterb—
lichkeit bestehen mithin für uns nur, weil sie Forderungen
unseres sittlichen Willens sind; und erst in diesem Gedanken
Heinze-Überweg IIIs, 1, 315.
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. 2.