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Zweiundzwanzigstes Buch.
Wissenschaft und Kunst, Denken und Dichten, kritische Analyse
und die Synthese des phantasievollen Raptus in den seelischen
Gewohnheiten der Zeit so genau geschieden, wie in denen der
Gegenwart: ja erst im 17. Jahrhundert hatten sich in dem
Denken der Zeitgenossen im Grunde Wissenschaft und Kunst
überhaupt zu trennen begonnen: und auch jetzt nannte man
immer noch nach Goethes Ausdrucke, der die Auffassung des
18. Jahrhunderts klar bezeichnet, das abgezogene Wissen
Wissenschaft, die zur Tat verwendete oder praktische Wissen⸗
ichaft aber Kunst.
Bei dieser seelischen Haltung versteht es sich, daß ein
mystischer Empirismus der Zeit Goethes und Schillers noch
als vollgültiges, ja einziges Erkenntnismittel gelten konnte.
Da sah man wohl, wie Kant die Syllogismenbrücke, über
die die hohen Geister des individualistischen Zeitalters trium—
ohierend in das Reich des Absoluten eingezogen waren, ab—
zebrochen und eine neue kaum gebaut hatte: seine Postulate,
ein schlechter Ersatz der früheren Gewißheit, erschienen nur wie
ferne Wünsche und einsames Sehnen nach dem alten, herrlichen
dand.
Aber sollte da eine neue Mystik nicht wenigstens neue
Stege bauen können? Freilich nicht eine Mystik von der
Erregungsfähigkeit der mittelalterlichen, ja selbst nicht von der
weit feineren Schattierung des eben jetzt zu Grabe gehenden
Pietismus: eine um vieles zarter schauende, umsichtigere Mystik
vielmehr anscheinend einfach begrifflicher Intuition: ein neuer
Zweig gleichsam nur an dem uralten Baume synthetischer
Erkenntnisversuche. Da wollte man nicht mehr mit „Geistes—
augen“ in die jenseitige Ferne schauen:
nach drüben ist die Aussicht uns verrannt.
Aber doch schien es möglich durch geniale Intuition, durch
inneren Sinn, durch etwas noch durchsichtig Schmiegsameres
als den amor intellectualis Spinozas, der Welt des Dies—
seits — und auch der seelischen Welt — näher zu treten als
bisher und klare Entdeckungen zu machen: hier auf natur—