Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Zweiundzwanzigstes Buch 
worden.“ Und in der Tat, dies Behagen, dieser Stolz ist 
eins der Grundelemente poetischen und das will sagen schöpfe— 
rischen Daseins. Selbst wenn eine Idee, d. h. ein Bild, uns 
nicht zum Schaffen, sondern nur zum Betrachten anregt, 
fühlen wir in der hierfür nötigen Zusammenfassung unserer 
anschauenden Kräfte unmittelbar die Beseligung des Schaffens. 
Es ist der Punkt, von dem eine Übertragung dieser mystischen 
Erkenntnistheorie auch in die Gebiete des Geistes möglich er— 
schien, ja unmittelbar notwendig werden mußte: wo in der 
Natur das Urphänomen hervorsprang, da mußten sich im 
Geistesleben die hinter dem Vorhange der psychologischen 
Wirkungen waltenden Ideen enthüllen. So hatte schon Herder 
die Ideen anschauen dürfen, und so sah sie, vor allem in der 
Welt des Willens, der durch Kant in der Seelenlehre erst 
recht wieder entfesselten Kraft, später an erster Stelle Schiller. 
Dabei kannte man immerhin das Ungewöhnliche, das 
gleichsam Aristokratische dieser Erkenntnismittel: und eben in 
der Begnadigung mit ihnen erschien dem Klassizismus das 
Schöpferische der Einzelpersönlichkeit enthalten: 
Denn unten wogt es schwellend tief im Grunde 
Mit der Natur im eng vereinten Bunde, 
Allein dem Menschen lang oft unverstanden: 
Bis, sich befreiend von des Dunkels Banden, 
Ein leuchtender Gedanke aufwärts schießt 
Und wie ein Erdenblitz den Himmel grüßt 
In diesem Sinne hat sich der Goethe der letzten Jahrzehnte 
wohl rückblickend mit der Conceptio mystica beschäftigt. „Ge— 
wöhnliches Anschauen, richtige Ansicht der irdischen Dinge, ist 
Erbteil des allgemeinen Menschenverstandes.“ „Reines An—⸗ 
schauen des Außeren und Inneren ist sehr selten. Es äußert 
sich jenes im praktischen Sinn, im unmittelbaren Handeln; 
dieses symbolisch, vorzüglich durch Mathematik, in Zahlen und 
Formen, durch Rede, uranfänglich, tropisch, als Poesie des 
Genies, als Sprichwörtlichkeit des Menschenverstandes.“ „Alles, 
was wir Erfinden, Entdecken im höheren Sinne nennen, ist 
die bedeutende Ausübung, Betätigung eines originalen Wahr—
	        
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