Neue Weltanschauung.
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die Anschauung dem Denken nicht bloß gleichgesetzt, sondern
vorgezogen ward, und daß damit eine neue, zwar idealistische,
zugleich aber auch intuitiv-mystische, „ahndevolle“ Geisteskultur
erblühte.
Der Vollender und größte Held dieser Frühkultur des
Subjektivismus war Herder gewesen. Denn von ihm kann
mit Recht behauptet werden, daß er nicht eigentlich Forscher
gewesen sei, sondern nur „eine große Gabe gedankenreichster
Reproduktion“, einen wahrhaft ahnenden Sinn besessen habe.
Über Herder hinweg aber stieg jetzt, in den Zeiten des
Klassizismus, Goethe: Goethe hat wohl inmal selbst seine Früh—
zeit, da er noch teilweise unter Herderschem Einflusse stand, als
seinen Komparativ, die spätere Periode dagegen, seit den neun—
ziger Jahren des 18. Jahrhunderts, die eigentliche Zeit des
Klassizismus, als seinen Superlativ bezeichnet. Goethes Welt—⸗
anschauung nach ihrem Wesen wie ihrer Entstehung gilt es
daher vor allem vorzuführen, soll ein tieferes Verständnis des
lassizistischen Geisteslebeus erreicht werden.
Und da kommt es an erster Stelle darauf an, die Intuition,
die „anschauliche Erkenntnis“ als Prinzip aller Betrachtung
eben im Sinne Goethes näher zu erläutern. Und sehr
natürlich, daß sich in diesem Zusammenhange, bei dem rein
versönlichen Charakter des Erkenntnisprinzipes, das Wesen des
Dichters als für jede nähere Bestimmung entscheidend ergibt.
Goethe war dem regellosen, dithyrambischen Ergreifen ab—
geneigt, so sehr er sich ein Verständnis selbst für Kontem—
plation und Askese des Mittelalters zu erwerben wußte; ge⸗
läutert, „rein“ zu sein erschien ihm als Vorbedingung jeglicher
wirklichen Erkenntnis. Darum sollte seiner Meinung nach im
Vorgange des Erkennens eine gleichmütige Stimmung der
Seele, durch das allgemeine Interesse des Objekts geleitet, die
beobachtende Aufmerksamkeit gleichmäßig auf alle Punkte ver⸗
teilen; und es sollte das Bestreben obwalten, jeden Gegen—
stand oder jede Klasse von Gegenständen und so nach und
nach das Ganze bis zu seinen äußersten Grenzen und höchsten
Zusammenfassungen zu verfolgen. Parteilosigkeit und Allgemein⸗