Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Weltanschauung. 
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Der Urpflanze aber mußte ein Urtier entsprechen. Frei— 
lich: viel schwerer war die Idee dieses Urtieres anschaulich 
zu erfassen bei den um ein Unendliches reicher gestalteten 
Formen der Tierwelt; und vor allem gab es scheinbar unter 
den animalischen Wesen nicht jene Kontinuität der Formen, die 
doch eine Voraussetzung war für die Zurückführung von ihnen 
allen auf ein gemeinsames Prinzip: und insbesondere vom 
menschlichen Skelett behaupteten die Anatomen der Zeit, daß 
ihm der Zwischenkieferknochen und damit der volle Parallelis⸗ 
mus der Bildung mit den Skeletten der höchst entwickelten 
Tiere fehle. Hier vor allem war es darum, wo Goethe mit 
seinen Forschungen einsetzte: und durch Entdeckung des mensch⸗ 
lichen Zwischenkieferknochens (1784) stellte er für die Fauna 
jene lex continui Leibnizens her, deren er bedurfte, um die 
Anschaulichkeit des ideellen Urtieres zu ermöglichen. Nun aber 
galt es diese Anschauung selbst zu entwickeln. Es war eine 
Aufgabe, der der Dichter gleichzeitig mit der Lehre von der 
Urpflanze in Italien nachging; und ein geborstener Schaf⸗ 
schädel, den er 1790 auf den Dünen des venetianischen Lido 
fand, wies ihm hier besonders deutlich den schon früher ge— 
ahnten Weg. Er behauptete jetzt, daß Schädelknochen und 
Gehirn ideell nur Endglieder der Wirbelsäule und des Rücken— 
markes seien!, und er drang, wenn er auch im übrigen einen 
klaren Weg zur ideellen Veranschaulichung des Urtieres nicht 
fand, doch zu einem allgemeinen Satze über die Art seiner 
Auswirkung in den einzelnen realen Tierformen vor, dem das 
Gesetz der sogenannten Korrelation oder Kompensation der 
Organe der heutigen Physiologie entspricht: zu dem Satze 
nämlich, daß sich im Urorganismus alle Glieder gleichmäßig 
ausgebildet das Gleichgewicht halten müßten, und daß die 
Mannigfaltigkeit der realen Tierformen entstehe, indem sich 
die Kraft der Bildung auf bestimmte Glieder werfe und dafür 
— 
Daß dies bei den Urfischen oder Selachiern tatsfächlich der Fall 
ist, hat 1872 Karl Gegenbauer nachgewiesen: val. Steiner Goethes Welt— 
anschauung S. 182.
	        
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