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Zweiundzwanzigstes Buch.
andere in der äußeren Erscheinung gar nicht oder nur an—
deutungsweise entwickelt würden. Diese Kraft der Bildung
aber werde ausgelöst durch den Reiz äußerer Einflüsse: so daß
von den unzähligen, im Urtier wie in der Urpflanze der Idee
nach enthaltenen Organismen eben nur diejenigen entstehen,
auf welche gewisse äußere Reize hinwirken.
Es ist der Punkt, in welchem Goethe, wie an verwandten
Stellen auch Herder, die Grundgedanken der Entwicklungs⸗
lehre Darwins aufs nächste zu berühren scheint, wie er denn
in der Tat gelegentlich die Behauptung aufgestellt hat, daß
die Urbilder sich noch täglich durch Fortpflanzung aus- und
umbilden!. Indes ganz abgesehen davon, daß diese Um—
bildung von Goethe als eine doch wesentlich spontane, von
inneren Bildungskräften getragene angesehen wurde und nicht
als eine kausal von außen her veranlaßte, so stand der Dichter
vor allem ganz allgemein dem zeitlich-kausalen Entwicklungs—
gedanken zurückhaltend gegenüber; und er hatte, bei der noch
recht begrenzten Kenntnis naturwissenschaftlicher Tatsachen in
—
Entwicklungstheorie, wie sie vornehmlich in Frankreich auf—
traten, allen Grund zu diesem Verhalten.
Nicht also eine Entwicklungstheorie der Lebewesen im
Sinne tatsächlicher, kausal bedingter Entfaltung aus einem
primitiven, konkreten Urorganismus hat Goethe aufgestellt,
sondern die Lehre von der Metamorphose idealer pflanzlicher
und tierischer Urphänomene in die, sei es nun ärmlich, sei es
reich entwickelten Formen der vorhandenen Pflanzen- und
Tierwelt.
Indem der Dichter aber die ideellen Kräfte und Urformen
mit „Geistesaugen“ im ganzen Bereiche des uns unmittelbar
sichtbaren Lebens ausgegossen schaute, war er weit davon ent—⸗
fernt, die Wirkungsgewalt dieser Kräfte in den engen Kreis
des spezifisch Biologischen einzuschließen. Auch die Erde be—
Vorträge über die drei ersten Kapitel des Entwurfs einer all—
zemeinen Einleitung in die vergleichende Anatomie“, 1796.