Neue Weltanschauung.
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physik gestraft und Dir einen Pfahl ins Fleisch gesetzt, mich
mit der Physik gesegnet.“
Aber setzt nun eine solche Haltung etwa überhaupt Kühl—⸗
heit gegenüber den größten metaphysischen Fragen des
Menschenseins voraus? Wie hätte Goethe in seiner intuitiven
Betrachtung der Dinge nicht auch fromm sein sollen! Eben
in der Ehrfurcht seiner Intuition, wie er sie täglich übte, be⸗
stand sein Gottesdienst. Denn Ehrfurcht der Betrachtung hieß
ihm Hingabe im Schauen:
In unsres Busens Reine wogt ein Streben,
Sich einem Höhern, Reinern, Unbekaunten,
Aus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben,
Enträtselnd sich dem ewig Ungenannten —
Wir heißen's fromm sein
Und so war sein Leben, abgesehen von den explosiven
Jahren der Jugend und den in immer tiefere Mystik ge—
tauchten Jahrzehnten des Greisenalters, tatsächlich in der
Ehrfurcht verankert vor den dunkeln, nicht völlig enträtsel⸗
baren Geheimnissen der Natur und der Geschichte, hinter
denen sich dem Schauenden göttliche Kräfte webend und
waltend zeigten, und in dem innigen Kulte eben dieses
Schauens. Da schien sich denn wohl der Kosmos als ein
wunderbarer Organismus des Alls zu enthüllen, in dem Leben
und Dasein bedingt waren durch das gesetzmäßige Wechselspiel
der Glieder und fruchtspendend die goldenen Eimer auf und
nieder stiegen; und als ein ewiges Anziehen und Abstoßen, als
ein Trennen und Verbinden der Kräfte, als Polarität, er—
schien das Triebrad der Natur:
Die endlich' Ruh' wird nur verspürt,
Sobald der Pol den Pol berührt;
Drum danket Gott, ihr Söhne der Zeit,
Daß er die Vole für ewig entzweit!
Und hinderte da noch etwas, an all diese Wechselwirkungen
als die Erscheinung einer in dem Ganzen teleologisch wirkenden,
metaphysischen Kraft, einer Idee über alle Ideen, zu glauben?