Neue Anschanungen von Staat und Gesellschaft. 83
gemacht. Er wollte zunächst in seinem Alter nichts mehr von
utilitarischen Lebensidealen, und seien es auch wissenschaftliche,
hören: „Das hält die moralische Welt nicht im Gleis, und
gute Sitten sind für die Gesellschaft mehr wert als alle Be—
weise Newtons.“ War das nicht eine starke Annäherung an
den Geist des Frühsubjektivismus? Nun glaubte der König
aber für eine neue Grundlegung der Erziehung die Basis
im Egoismus gefunden zu haben: einem sittlichen Egoismus
analog dem wirtschaftlichen Adam Smiths! Aus richtig
verstandenem Egoismus leitete er jetzt jenen ihm längst schon
teuern Spruch des Evangeliums: „Tue nichts, wovon du
nicht wünschest, daß es dir die andern auch täten“, darin sich
Kant nähernd, als ausreichendes altruistisches Prinzip ab: und
baute darauf u. a. jenen Begriff des Patriotismus, den er in
späteren Jahren immer dringender von seinen Untertanen ge—
fordert hat!. Und gewohnt, nicht bloß zu betrachten, sondern
zu handeln, versuchte er seinen Prinzipien innerhalb Preußens
auch in den praktischen Fragen der Erziehung bald genug
Geltung zu verschaffen. So schrieb er als Katechismus gleich—
sam der neuen Erziehungslehre den „Dialogue de morale à
l'usage de la jeune noblesse“, den er dem Kommandeur der
Berliner Kadettenanstalt zustellte. Vor allem aber ging er
von seinem Standpunkte aus an eine Schulreform, indem er
zunächst in dem „Discours de l'utilite des sciences et des
arts dans un Etat“ vom Jahre 1772 als Ergänzung zu
seinen ethischen Anschauungen seine Stellung zu den Lehrstoffen
intellektuellen und ästhetischen Charakters festlegte und dann
Zedlitz als ersten preußischen Kultusminister zur Durchführung
seiner Absichten berief. Zeigte schon diese Berufung, daß es
dem Könige dabei vornehmlich um eine Einwirkung auf die
Mittelschulen zu tun war, in denen in der Tat auch die neuen
Erziehungsprobleme, insofern sie vom Staate aufgenommen
wurden, am leichtesten Verwirklichung finden konnten, so war
Val. Band VII, 2, S. 799 f.