Neue Anschauungen von Staat und Gesellschaft. 85
wurde, war vielmehr, ganz in Übereinstimmung mit den tiefsten
Lebensprinzipien des Subjektivismus!, ein altruistisches Ideal.
Und dies Ideal einer stark altruistischen Sittlichkeit sah
man in dem verwirklicht, was die Zeit Menschlichkeit, was sie
in besonderem Hinblick auf die Kultur der Alten Humanität
nannte?. Später hat man den Zusammenhang dieses Ideals
mit der Antike nicht selten übertrieben; so hat z. B. Passow
in den Jahren nationaler Erniedrigung, um 1807, geglaubt, die
Wiederherstellung des deutschen Volkstums der Hauptsache nach
durch das Studium des Griechischen herbeiführen zu können.
In den guten Zeiten des 18. Jahrhunderts dagegen, in den
achtziger und neunziger Jahren, verstand man unter humanem
Wesen nicht bloß einen Charakter, in welchem die ästhetischen
und intellektuellen Fähigkeiten zu dem gesteigert wären, was
besondere Anlage und menschlicher Typ, speziell auch nach dem
Muster der Alten, an höchster Ausbildung zu erreichen gestatteten,
sondern in dem vor allem die sittlichen Eigenschaften des Herzens,
Freundlichkeit und Liebe, Mitleid und Erbarmen, edelste Er—
ziehung zum allgemein Menschlichen erfahren hätten.
Dabei ist nicht zu leugnen, daß dieses Ideal, das man
vielleicht auch als das der moralischen Freiheit bezeichnen kann,
noch etwas wenig Umschriebenes, etwas im vagen Sinne des
Wortes Kosmopolitisches hatte. Und es versteht sich, daß sich
diese Unklarheit auch auf die Auffassung der nationalen
pflichten, ja des nationalen Charakters übertrug. Das ist die
Erscheinung, die Schiller in dem verzweifelnden „Xenion“
geschildert hat:
Zur Nation euch zu bilden, ihr hofft es, Deutsche, vergebens:
Pildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus.
Und noch später hat die Romantik diesen Zusammenhang in
dem Satze vorgetragen: „Die Deutschheit ist wohl darum ein
Lieblingsgegenstand des Charakteriseurs, weil eine Nation, je
S. Band VIII, 1, S. 270 ff
2 S. Band VIII, I, S. 207 ff.