Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Anschauungen von Staat und Ges ellschaft. 89 
diesem Punkte, daß der Triumph der Gewissensfreiheit bei dem 
Volke der Reformation eine erste Phase öffentlicher Anerkennung 
des Subjektivismus ausmachte. 
Als Hauptziel der Agitation erscheint volle Gewissens— 
freiheit schon bei den Popularphilosophen, vor allen den Ber—⸗ 
linern, einem Nicolai, Mendelssohn, Biester, die unter der 
AÄgide Friedrichs des Großen kämpfen durften. „Intoleranz 
heißt die Furie, welche alles Glück vom Erdboden vertilgt, sie 
ist das empörendste Verbrechen gegen den Staat, gegen die 
Menschheit, gegen die Vernunft, gegen die Religion“: diese 
Worte Biesters kann man wohl als das praktische Motto der 
„Berlinischen Monatsschrift“ bezeichnen. Kant hat dann die 
Entwicklung öffentlicher Duldsamkeit schon als ein Haupt-— 
verdienst Friedrichs des Großen bezeichnen können. Aber war 
diese Entwicklung wirklich schon so bestimmt gesichert? Als— 
bald mit dem Beginne der Regierung Friedrich Wilhelms II. 
trat die Diskussion darüber wieder ganz in den Mittelpunkt 
des öffentlichen Interesses. Und mochte die Toleranz für 
die Gebiete des Protestantismus leidlich errungen sein, so fand 
sie doch innerhalb des Katholizismus nur eine Anzahl wenn 
auch einflußreicher Vertreter: hier standen Männer wie Sailer 
und Goßner dem Pietismus nahe, und der katholische Historiker 
Ignaz Schmidt würdigte in seiner „Neueren Geschichte der 
Deutschen“ (1785) voll die Verinnerlichung der Religion durch 
Luther, während er die Unduldsamkeit der lutherischen Ortho— 
doxie verdammte. Gesichert aber wurde dieser Zustand der 
Toleranz, wie er zunächst gewißlich auch einer gewissen Er—⸗ 
müdung in religiosen Kämpfen mit verdankt wurde, doch erst 
durch jenes Selbstbewußtsein der geistigen Persönlichkeit und 
jenen Anspruch auf eigenes Denken, die von der Erstarkung 
der seelischen Haltung schon des Frühsubjektivismus unabtrennbar 
waren. Und von diesem Hintergrunde her kann Kants Schrift 
„Was ist Aufklärung?“ (1784) allerdings wohl schon als das 
große Denkmal einer immer geistigeren Auffassung der Toleranz 
erscheinen. „Ein Fürst, der es seiner selbst nicht unwürdig 
findet zu sagen, daß er es für Pflicht halte, in Religions—
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.