Neue Anschauungen von Staat und Gesellschaft. 93
Fakultäten gestaltete sich immer freier; und um das Jahr 1800
konnte schon hier und da vorausgesehen werden, daß sich das
alte Verhältnis der Fakultäten im Laufe des 19. Jahrhunderts
genau umdrehen werde: denn heute ist die philosophische
Fakultät der eigentliche Schoß der akademischen Tätigkeit, und
Zie alten hohen Fakultäten der Theologie und der Rechte wie
auch der Medizin lehnen sich an diese im Sinne von Appli⸗
kationsanstalten der philosophischen Fortschritte auf speziell
gegebene, praktisch besonders wichtige Stoffe an.
Diese innere Umwandlung der philosophischen Fakultät
ging nun, entsprechend der Einteilung der Fakultät in natur- und
in geisteswissenschaftliche Fächer, von einer doppelten Seite aus.
In den Geisteswissenschaften, Geschichte, Philologie und ver⸗
wandten Fächern, entwickelte sich gegenüber dem bisher wesent⸗
lich imitatorischen Betrieb, der nur auf Verständnis und
Genuß der alten Schriftsteller und auf Überlieferung einer
bestimmten Menge historischen Stoffes hinauslief, eine subjek⸗
tivistische Form des Studiums: man trat aus dem überlieferten
Stoffe heraus, suchte ihn vom eigenen Standpunkte aus zu
hegreifen: wurde in modernem Sinne kritisch-historisch und
schließlich evolutionistisch.
Es versteht sich, was das bedeutete. Es war die
Emanzipation des Verstandes auf dem Gebiete der Geistes⸗
wissenschaften und damit der Kampf gegen die hergebrachte
Uberlieferung auch auf den Gebieten der Theologie und der
Rechtswissenschaft.
Ein ähnlicher Prozeß, wie auf dem Gebiete der Geistes⸗
wissenschaften, vollzog sich aber auch auf dem der Natur—
wissenschaften. Hier drang jetzt die freie Forschung der mecha⸗
aischen Naturanschauung allmählich auch auf die Katheder der
Universitäten, zerstörte die herkömmliche Lehrweise, die wesentlich.
auf die Fortüberlieferung der Ansichten der Alten gerichtet gewesen
—DDD und ordnete all⸗
mählich die Entwicklung auch der Medizin diesem Denken und
Experimentieren unter.