Neue Anschauungen von Staat und Gesellschaft. 97
sich in einzelnen ihrer Vertreter oder insgesamt zu äußern —
und gehört zu werden pflegen als sichtbare Vertretung gleich⸗
sam der hinter ihnen stehenden großen Welt der Gebildeten:
so wirkt in dieser privilegierten Stellung noch heute die
führende Stellung nach, die sie als erste Inhaberinnen wirk—⸗
licher Denkfreiheit und nicht geringer Freiheit des Wortes und
auch der Schrift schon vor mehr als vier Generationen, in den
Zeiten der Genesis der modernen deutschen Kultur, erworben
haben.
War es nun aber denkbar, daß von dieser Stellung der
Universitäten nicht ein Abglanz, ja mehr, eine beträchtliche
Nachwirkung auf die Mittelschulen ausstrahlte?
Im ganzen hatte der Verlauf des Mittelschulwesens, so⸗
weit dessen innere Verfassung von allgemeinen Zeitströmungen
abhing, mit dem Entwicklungsgange der Hochschulen mancherlei
Ahnlichkeit gehabt. Gegen Schluß des individualistischen Zeit⸗
alters waren hier wie dort auf das Praktische gerichtete
Neuerungen hervorgetreten, denen später ein Umschwung zur
—— Herzens folgte.
Nur daß diese Ausschläge gegen Ende der individualistischen
Zeit für die Mittelschulen viel stärker gewesen waren als für
die Universitäten: denn Bestimmung des Mittelschulwesens
ist es von vornherein, doch vor allem auch dem utilitarischen
Zwecke der Vermittlung von Wissen zu dienen.
So war es denn dazu gekommen, daß in dieser Zeit, seit
der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, geradezu Schultypen
erschienen, die an erster Stelle durch Tradition praktischen
Wissens der Vorbereitung für bestimmte Berufe dienen wollten.
Es war die erste Konzeption der heutigen Realschule; und in
ihr trafen sich sonst so verschiedenartige Geistesrichtungen, wie
Rationalismus und Pietismus: so sehr war sie Ausdruck der
gesamten Tendenz der Zeit. In diesem Sinne begründete
der Archidiakonus Semler an der Franckeschen Stiftung in
Halle schon im Jahre 1706 eine „Mathematische und mechanische
Realschule“, zunächst nur zur Ergänzung des bestehenden
Lamprecht, Deutsche Geschichte. IX. J