Neue Anschauungen von Staat und Gesellschaft. 113
wicklung des Subjektivismus der Einzelperson erlaube: das ist
der Sinn der Postulate des Marquis Posa im „Don Carlos“,
das tönt hervor aus der zusammenfassenden Bitte: „Geben
Sie Gedankenfreiheit!“
Aber weitere Erfahrungen überzeugten den Dichter, daß
auch dies Ideal nicht so mit eins und mit absoluter Gewähr
der Dauer zu verwirklichen sei — vermochte doch selbst die
französische Revolution mit ihrem Umsturz fast alles Bestehen—
den nicht den Staat der Not durch den Staat der Vernunft
zu ersetzen. Und so gelangte er denn seit den neunziger Jahren,
unter gleichzeitiger Einwirkung seiner ästhetischen Studien, die ihn
an erster Stelle an den Kreis des Kantschen Denkens fesselten,
zu einer noch intensiveren und gemäßigteren Anschauung in poli⸗—
tischen Dingen. Gewiß: der Staat des Subjektivismus mußte
etzt kommen. Aber er vermochte nur aus einer Gesellschaft
von Individuen hervorzugehen, deren jedes zu voller Selbst⸗
beherrschung durchgebildet und darum der Mitherrschaft würdig
war. Die Erziehung des Subjekts also zu dieser Höhe des
Daseins erschien nun als die erste der Aufgaben. Und zu
lösen schien sie dem Dichter allein auf dem Wege der Aus—
bildung einer vollen ästhetischen Kultur, der dann eine ent—
sprechende moralische und dieser eine rechtliche und volitische
folgen werde.
Ein langer Weg! Und ein Weg, dessen Ergebnisse sich
doch schwerlich bis zu dem Grade schon übersehen ließen, daß
sich danach ein klares Ideal des konkreten subjektivistischen
Staates hätte aufrichten lassen. Schiller jedenfalls hat auf
die Ausmalung eines solchen Staates der Zukunft verzichtet.
Was hätte sie auch genützt, da der Bürger um 1800 zu tätiger
politischer Mitarbeit noch keineswegs berufen schien?
Indem aber der Dichter sich nicht in Beschreibung, sondern
in Ahnung des dereinst Möglichen erging, indem er nur von
Tendenzen sprach und von Forderungen und Wünschen der
Zukunft: ward er zu jenem machtvollen politischen Agitator
der Nation, dessen Verse wie Hammerschläge gewirkt haben bis
Lamprecht. Deutsche Geschichte. IX. 8