Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Anschauungen von Staat und Gesellschaft. 117 
Verbindung, die Individuen eingehen können, die Ehe. Rein 
auf geistiger und seelischer gegenseitiger Ergänzung soll sie 
aufgebaut sein und nur durch die einfache Form staatlicher 
Bestätigung äußerlich sanktioniert: fällt die Voraussetzung 
seelischen Verständnisses hinweg, so darf ihrer Lösung nichts 
entgegenstehen. 
Wird die Familie, die Urzelle alles europäischen staat— 
lichen Lebens, so fast subjektiver Willkür ausgeliefert oder 
edenfalls einer Freiheit, welche erst die Radikalen der zweiten 
sfubjektivistischen Periode, etwa seit den achtziger Jahren des 
19. Jahrhunderts wieder ernstlicher gefordert haben, so läßt 
sich denken, daß auch dem Staate Funktionen, welche die Frei— 
heit des Einzelnen beschränken könnten, nur kärglich zugemessen 
werden. Im Grunde reduzieren sich diese Funktionen auf den 
Schutz der Selbständigkeit des Ganzen nach außen und den 
Rechtsschutz nach innen. 
Dabei geht Humboldt in der ersteren Richtung nur so 
weit, als es die unbedingte Sicherheit der Förderung selbstän⸗ 
diger innerer Entwicklung verlangt. Er tritt daher, soweit 
das Hauptmittel einer guten auswärtigen Politik, das Heer, 
in Betracht kommt, keineswegs für Ziele ein, die sich etwa der 
allgemeinen Dienstpflicht genähert hätten: als eine viel zu 
starke Bindung der Individuen würde ihm diese erschienen 
sein: vielmehr rät er zu einer Durchbildung der äußeren Schutz⸗ 
vorrichtung etwa im Sinne einer Heerespflicht von Milizen. 
In seinem inneren Ausleben aber muß der Staat nach 
ihm aͤlles vermeiden, was auch nur im geringsten nach Bevor⸗ 
mundung oder gar Beherrschung der Einzelpersonen schmeckt. 
Sucht er in dieser Richtung eigene Ziele, so fälscht er die 
Entwicklung der zartesten Triebe des menschlichen Herzens, des 
Rechtssinnes, des Gefühlslebens, der Moral. Nicht einmal in 
die Erziehung, es sei denn die der Unmündigen, sich ein⸗ 
zumischen ist ihm gestattet. Noch viel weniger natürlich darf 
er die Weltanschauung des Einzelnen, das Ergebnis subjektiver 
Selbsterziehung, antasten. Darum find alle Religionen von 
staatlichem Eingriffe frei. und das Wort von der freien Kirche
	        
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