120 Dreiundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
schaft, um Fronde und Hofdienst handelte!, so erscheint allein
schon die Tatsache charakteristisch, daß Humboldt niemals auch
nur mit einem Worte von Genossenschaft und Gemeindeleben,
von sozialer und kommunaler Emanzipation zu reden findet.
Gewiß: sein Aufbau der menschlichen Welt aus Einzel—
personen, subjektivistischer Familie und subjektivistischem Staate
erscheint ihm an einigen wenigen Stellen seiner Erörterungen
doch zu kahl; er sieht, daß es öffentliche Aufgaben von größter
Ausdehnung gibt, die zwangsweise bewältigt werden müssen:
und in diesem Zusammenhange geht ihm ahnungsreich der Be—
griff der Nation auf: die durch die ganze Entwicklung des
19. Jahrhunderts bewäahrheitete Tatsache, daß der Staat des
Subjektivismus des organischen Aufbaues bedarf, um der un⸗
zeheuren Differenziertheit des modernen Lebens gerecht zu
werden, daß sein paradigmatischer Aufbau von der lokalen und
provinzialen Selbstverwaltung in den Landesstaat und von
dem Landesstaat in den Staatenbund oder ein dem Staaten-—
bund entsprechendes großes nationales Gebilde verlaufen muß:
Humboldt hat sie zum ersten Male unter deutschen Staats—
theoretikern erahndet. Allein so wenig wie er hier aus vagen
Vorstellungen schon Folgerungen gezogen hat, so wenig hat er
den inneren Ausbau des Staates in diesem Sinne und nach
dieser Analogie ins Auge gefaßt. So kennt er den Staat im
Grunde noch nicht als Organismus; gänzlich fehlt ihm das
Vorgefühl für die inzwischen, vornehmlich freilich erst in der
zweiten Periode des Subjektivismus eingetretene reiche Ent—
faltung der modernen Genossenschaft, und auch den Fragen
der Selbstverwaltung, einem seiner Zeit schon viel näher
liegenden Probleme, bleibt er fern.
War es ihm nun unter diesen Umständen möglich, über⸗
haupt ein Programm gleichsam der zunächst dringlichen Fragen
des öffentltchen Lebens zu geben? Es war eine Aufgabe, die
an erster Stelle der Zerstörung der noch vorhandenen Reste
Vgl. dazu Band VI, 2, S. 420 f., 450f.