Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

124 Dreiundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel. 
ottonischen, salischen und staufischen Geschlechtes lernte, und 
wenn der Rhonefischer das linke Ufergelände seines Stromes 
noch als Empire bezeichnete. 
Es war eine glückliche Kombination gewesen, die damals, 
durch das deutsche Schwert herbeigeführt, Mitteleuropa einen 
weit mehr als säkularen Frieden verschafft hatte: jene Pax 
inaudita, von der die geschichtlichen Quellen der guten deutschen 
Kaiserzeit nicht müde werden immer und immer wieder zu 
reden. Sie beruhte auf dem Gedanken der politischen Ver— 
einigung Deutschlands und Italiens wenigstens bis zum 
Appenin oder über die Berge hinweg bis Rom oder gar 
noch hin bis zu den blühenden Gestaden von Gaeta, Neapel 
und Salerno — und der Ergänzung dieser Vereinigung 
durch die Herrschaft über das Rhonegebiet, über Burgund und 
über die Provence. Der ungeheure Bereich von Ländern, der 
damit einer einzigen Gewalt, der des Kaisers, in Zentral— 
europa zu Gebote stand, war zu ungefüge, um für eine An— 
griffspolitik tauglich zu sein, und zu gewaltig, um Gegenstand 
des Angriffes zu werden: nach Vorteilen wie Fehlern seines 
Daseins trug er den Stempel des Friedens. Und indem er 
Mitteleuropa fast seiner ganzen kontinentalen Länge nach 
durchzog, trennte er die zivilisierten Mächte des Westens ab 
von der gärenden Barbarei des nordischen und mittleren 
Ostens, und verhinderte durch seine Umfassung der Westalpen 
zugleich die Westmächte, allzu eifrig in die wohlumhegten 
Gärten der Mittelmeerkultur einzubrechen und dort wie 
gegenüber der zentraleuropäischen Hegemonie vernichtend zu 
wirken. 
Man darf sagen: es war eine Stellung, die in der äußeren 
Geschichte unserer Nation nicht wieder ihres Gleichen ge— 
funden hat. 
Allein ließ sie sich auf die Dauer halten? Schon unter 
den Staufern vollzogen sich für sie verhängnisvolle Wandlungen; 
in der zweiten Hälfte des Mittelalters ist sie verloren gegangen. 
Und bei dem fast nie gestörten Frieden nach außen hin, soweit 
nicht gelegentliche Expeditionen über die östlichen Grenzen in
	        
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