Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

126 Dreiundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel. 
zum Reiche kann für die zweite Hälfte des Mittelalters und 
selbst für die Zeit schon Dantes und Petrarcas nicht mehr die 
Rede sein, trotz der Beziehungen der großen Dichter zu Hein— 
rich VII. und Karl IV. 
Mehr noch. In dem Zusammenhange des Verfalls der 
Reichsgewalt in Italien ließen sich auch die Ansprüche des 
Reiches im Rhonetal, die von jeher schwächer verwirklicht 
worden waren, nicht mehr halten. Schon früh hatte zwischen 
Unteritalien und Frankreich ein lebhafter Verkehr bestanden; 
die Nachfolger der Staufer im Normannenreiche des italienischen 
Südens wurden die Anjous. Und war dies politische Vor— 
dringen Frankreichs im Süden eins der wichtigsten Ereignisse 
der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, so wurde der Schluß 
der zweiten Hälfte des Mittelalters durch ein gleiches Vor— 
dringen im italienischen Norden bezeichnet. Die Kultur— 
entwicklung der westlichen lombardischen Ebene hatte von jeher 
piel Gemeinsames mit der so eigenartigen Entwicklung der 
Provence; rasch stellten sich daher zwischen beiden Gebieten Be— 
ziehungen her, die u. a. auch die Verlegung des päpstlichen Hofes 
nach Avignon im Beginne des 14. Jahrhunderts begreiflicher 
erscheinen lassen: und ihnen folgte in der zweiten Hälfte des 
15. Jahrhunderts das Vortreiben der französischen Politik und 
Kriegsführung über die Alpen hinweg nach Piemont, Genua, 
Mailand, Venedig. Und da hätte auch nur das obere Rhone— 
tal vom Reiche gehalten werden sollen? Rudolf von Habs— 
burg ist der letzte Herrscher gewesen, in dessen Politik bur⸗ 
gundische Fragen eine größere Rolle spielten; beherrscht hat 
schon er das Land nicht mehr. 
So waren denn die südlichen und südwestlichen Grenz⸗ 
länder des Reiches im Verlaufe des 13. bis 15. Jahrhunderts 
abgebröckelt; und nicht selten war es schwer zu sagen, wo 
eigentlich im einzelnen Falle die Grenze des Reiches lief. 
Das Gleiche aber galt für die Grenze im Westen über— 
haupt. 
Verfolgt man sie den Rhein abwärts, so war an der Reichs⸗ 
zugehörigkeit der kleinen, aber blühenden Staatenwelt, die sich
	        
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