128 Dreiundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
So hatte denn das Reich im Westen allmählich überall
an wichtigen Gebieten verloren. Allein dem stand gegenüber,
daß es im Osten wenigstens der Arealausdehnung nach weit
mehr als einen bloßen Ersatz gewonnen hatte.
Es ist eine Tatsache, die selbst heute zumeist noch nicht
genügend gewürdigt wird. Und doch beruht sie auf dem
charakteristischsten Vorgange vielleicht, den die deutsche Geschichte
im Vergleiche zu den Geschichten anderer moderner Nationen
Europas überhaupt aufzuweisen hat: auf der Kolonisation
des Ostens. Während vor allem bei den westlichen Nationen
die ungeheure Anhäufung wirtschaftlicher Werte, die sich in
den langen Jahrhunderten der mittelalterlichen Naturalwirt⸗
schaft vollzog, an erster Stelle der Intensivierung der Volks—
wirtschaft zugute kam, so daß rascher Übergang zu geldwirt—
schaftlichen Lebensformen und starke Konzentration des staat—
lichen Lebens die Folge war, verlief die Entwicklung in
Deutschland anders. Um das Jahr 1000 etwa muß man
sich das Aussehen der deutschen Landschaft noch ganz anders
vorstellen als das der französischen oder italienischen, ja selbst
der englischen Gegenden. In allen diesen Ländern hatte die
römische Kultur schon weithin mit der Ursprünglichkeit der
reinen Natur aufgeräumt: die Wälder waren gelichtet, Plan⸗
tagenanlagen in ihnen gefördert, zahlreiche Ortschaften be—
gründet worden. Es war damit eine Kulturausstattung ge—
schaffen, die im allgemeinen, insofern es sich um die Aus—⸗
dehnung passender Standorte menschlicher Arbeit handelte,
noch dem ganzen Mittelalter dieser Länder, ja selbst neueren
Zeiten genügt hat. Anders in Deutschland. Hier galt es
nach den Jahrhunderten der Römerherrschaft noch ein Jahr—
tausend hindurch, das Land erst zu verheimatlichen: in dichten
Scharen zogen die jungen Mannschaften der Karlingenzeit wie
der Ottonen- und Salier-, ja auch noch der Stauferherrschaft
in den jungfräulichen Wald, um noch zu brennen, zu roden,
Anbau zu treiben auf rauher Wurzel. Es waren Vorgänge,
in denen die Ersparnisse dieser Zeiten weit mehr rentbar
wurden als in irgendeinem sonstigen großen Anliegen der