Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

132 Dreiundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel. 
Osterreichs in die Balkangebiete selbst: das Auftreten eines 
neuen Lebenszuges dieses Reiches, das vorher seine Expansion 
viel mehr nach der Adria und Oberitalien zu gesucht hatte: 
eines Zuges, dessen starke Entwicklung nur noch einmal, vor— 
nehmlich in den Zeiten Metternichs, durch undurchführbare 
Herrschergelüste auf italienischem Boden unterbrochen worden ist. 
Verlief damit die Entwicklung im Südosten günstig, wenn 
sie auch den Charakter Osterreichs allmählich bis zu dem Grade 
undeutsch stimmte, daß die staatliche, administrative und mili— 
tärische Oberherrschaft der Deutschen gefährdet erscheinen konnte, 
so war das Schicksal des Nordostens im Verhältnis zu seinen 
ferneren Nachbarn nicht gleich einfach. 
Die erste Kombination, die hier auftrat, führte in das 
Gebiet der Ostsee. Die Ostsee, zu alten Zeiten von Staaten 
passiver Slawen und mehreren in sich ziemlich gleich mächtigen 
Reichen höchst aktiver Nordgermanen umgürtet, hat im Mittel⸗ 
alter die wechselreichsten politischen Geschicke sich abspielen sehen: 
das Dominium maxris baltici war bald in dänischen, bald in 
schwedischen Händen und bald, nachdem die Deutschen den 
Südrand des Meeres erreicht hatten, in wiederum in sich 
wechselndem deutschem Besitze. Seit dem 16. Jahrhundert 
indes, seit dem Verfall der Hanse, wie er eintrat, ehe sich noch 
der letzte große slawische Nachbar der Ostseegestade, Rußland, 
politisch stärker entwickelt hatte, war auf längere Zeit ein nord— 
germanisches Dominium gewiß. Es fiel den Schweden zu, 
und in der merkwürdigen Form eines Glaubensprotektorates 
ist es unter Gustav Adolf bis zu den tiefsten Eingriffen in 
die zentralen politischen Gebiete Deutschlands erweitert worden. 
Aber auch nach dem Dreißigjährigen Kriege fiel es keineswegs 
hinweg. Denn es hatte einen Stützpunkt gefunden, dessen 
Prinzip von nun ab, wenn auch teilweise schon früher ent⸗ 
wickelt, eine stetig vermehrte Bedeutung in der äußeren deutschen 
Geschichte gewinnt. 
Während des Mittelalters war Deutschland für die West⸗ 
staaten Europas im Osten so gut wie nachbarlos gewesen. Es 
jaben wohl z. B. zwischen Frankreich und Polen schon im 12.
	        
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