142 Dreiundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
wenn auch nur begrenzte Macht war, macht eine Ausnahme
von dieser Regel. Seit dem 16. Jahrhundert aber war das
Übergewicht der kolonialen Territorien erst recht nicht mehr
im Zweifel; charakteristisch ist dafür schon die im Zusammen—
hange des bisher Erzählten nicht erst zu beweisende Tatsache,
daß die Ostgrenze in dieser Zeit gegen äußere Feinde nicht
bloß gehalten, sondern noch wesentlich erweitert wurde, während
die mutterländische, die Westgrenze, zersplitterte.
War damit schon seit dem 13. Jahrhundert voraus—
zusehen, daß die Länder, die sich dereinst aus der Zahl der
vielen Territorialbildungen zu den herrschenden erheben sollten,
im Kolonialgebiete, im Osten, liegen würden, so standen in
diesem Bereiche anfangs eine ganze Anzahl von solchen
Ländern für eine höhere und höchste Hegemonie in Wett-—
bewerb.
Gelang es, Böhmen zu germanisieren, das Reich der Mitte
im Kolonialland, so hätte von da aus wohl am besten eine
Gesamtbeherrschung des Ostens und schließlich auch des Mutter⸗
landes eingeleitet werden können. Es war eine geographisch
so einfache Lösung, daß sie das tschechische Herrschergeschlecht
der Premysliden schon im 13. Jahrhundert, für seine Anschauung
vom slawischen Standpunkte aus, versucht hat. Aber auch später
ist sie immer und immer wieder aufgetaucht: in der Reichs—
politik der Luxemburger, namentlich auch Karls IV., in den
Bestrebungen Georg Podiebrads, die deutsche Krone zu ge—
winnen, ja teilweise noch in der Stellung, die Ferdinand II.
dem Lande Böhmen in seinen Plänen der Reichsbeherrschung
anwies.
Indem sich aber die erste Festsetzung eines mittelalterlichen
deutschen Königsgeschlechtes auf kolonialem Boden eben im
Kampfe gegen diese beste aller Kombinationen vollzog, indem
Rudolf von Habsburg dem Bestreben Ottokars von Böhmen,
den ganzen kolonialen Osten zu beherrschen, erfolgreich entgegen⸗
trat, ohne doch die Herrschaft der Premysliden in Böhmen völlig
vernichten zu können, ergab sich eine zweite Kombination: die
Habsburger nahmen ÄÖsterreich, setzten sich endgültig im kolonialen