146 Dreiundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
Preußen als einen nicht zu unterschätzenden und neuerdings in
starken Fortschritten begriffenen Nebenbuhler erscheinen ließ.
Mit den Reichsverhältnissen aber in ihrem so widerspruchs—
vollen Charakter, wie wir ihn kennen lernten, war nun diese
territoriale Entwicklung an erster Stelle durch den Umstand
verknüpft, daß das Haus Habsburg in den tatsächlich fast erb—
lichen Besitz der Kaiserkrone gelangt war.
Wahrlich: es war eine verwickelte politische Welt, in der
die Deutschen des ausgehenden 18. Jahrhunderts lebten.
Dennoch würde man sich täuschen, wollte man annehmen,
daß die Folge eine pessimistische oder auch nur eine vor—
wiegend kritische Stimmung gewesen wäre. Das gerade Gegen—
teil traf im allgemeinen zu. Man fühlte sich wohl in dieser
Welt, man pries ihre Vorzüge gegenüber der politischen Lage
anderer Völker; man empfand selbst den Zustand des Reiches
keineswegs als ein Unglück. Es war eine dem Deutschen der
zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und der Gegenwart
heinahe ebenso unbegreifliche wie für den Deutschen auch gegen
1800 noch selbstverständliche Stimmung. Der Absolutismus
hatte das politische Verantwortlichkeitsgefühl des Einzelnen
aufs äußerste herabgestimmt und die Empfindung eines höheren,
öffentlichen Pflichtenkreises hinaus über den des rein persön—
lichen und des Familienlebens fast ertötet; wer wußte um
1750 etwas von Vaterlandsliebe in dem uns heute geläufigen
Sinne? Und er hatte das vermocht, weil ihm, der selbst ein
Erzeugnis dieser Entwicklung war, die seelische Durchbildung
der Nation zum Individualismus darin im höchsten Grade
entgegenkam. Denn konnte etwa das einzelne Individuum irgend
ein innerliches Interesse am Staate gewinnen, wenn dieser nur
als mechanische Summation von Einzelindividuen, in denen alles
Leben begriffen war, erschien? Nun waren freilich, seit Mitte
des 18. Jahrhunderts, Zeiten eines frühen Subjektivismus
gefolgt: und mit ihnen keimte empor, was nur immer die
individualistische Anschauung vom Staate zu beseitigen geeignet
war: Freundschaftsgefühle, Instinkt gesellschaftlicher Zusammen—