148 Dreiundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
Dabei war die Lage nicht eigentlich die, daß man eine solche
Entwicklung an sich gescheut hätte. Aber man kam gar nicht
zu einem Entscheid über diesen Punkt auf einer bereits fort⸗
geschritteneren Stufe der Erwägung. Man war unfähig, auch
uur das Problem zu sehen.
Da konnte denn im Grunde der Nation nicht besseres geschehen
als daß eine von außen kommende Gewalt ihr all das Gerümpel
ihrer tausendjiährigen Verfassung, all die Sächelchen auf den
Nipptischen und Altären der einzelnen Territorialverfassungen
mnit rücksichtslosem Dreinschlagen zerstörte und umwarf: und
so sie frei machte, sich selbst zu sehen. Geschlossene Liquidation
des Alten, freie Fläche zum Aufbau des Neuen: das war es,
wessen man bedurfte. Und ehe der Deutsche noch zu der
UÜberlegung gelangt war, ob es denn auch wahrhaftig und
wirklich so sei, war der Franzose schon gekommen und hatte
hm die Vagoden zerbrochen.
II.
Es ist hier nicht die Absicht, die Vorgänge eingehend zu
erzählen, in deren Verlauf das Heilige Römische Reich deutscher
Nation zugrunde ging. Sie sind für die Nation nicht be—
sonders rühmlich. Das würde an sich ihre Darstellung nicht
ausschließen, sie im Gegenteil erst recht erfordern, wenn dabei
noch etwas zu lernen wäre. Aber dies ist heute im allgemeinen
nicht mehr der Fall. Für den Historiker aber, insofern er
nicht auch Sohn seines Volkes ist und an seine Schilderung nur
den Maßstab strengster Gesetze einer internationalen Wissenschaft
legt, wird doch immer als oberstes Gesetz bestehen bleiben,
Verfallsvorgänge, insofern sie nicht typische Erscheinungen
menschlicher Entwicklung hervortreten lassen, weniger zu be—
achten: denn das schöpferische Vorwärts allein ist die Seele der
menschlichen Entwicklung. Erscheinungen solcher typischen Art
treten aber in dem Untergange des alten Reiches kaum zutage.
Es war ein singulärer, unbeholfener, lethargischer Zusammen⸗
turz.