162 Dreiundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
die das Heilige Reich exlebt hat, hinüberführen. Nicht als ob
man sich die Mühe gegeben hätte, dem hinfälligen Kadaver des
Reiches durch Lösung wichtiger Verfassungsprobleme etwas wie
neues Leben einzuhauchen. Davon war man weit entfernt;
die Kurie hat das Heilige Römische Reich von jetzt ab über—⸗
haupt nur noch Imperium germanicum, Talleyrand gar nur
noch Confédération germanique genannt. Aber mit der
radikalen Säkularisation stellten sich, als ein Nebenprodukt des
Amputationsprozesses, von selber Anderungen der Reichs—
verfassung ein, die den alten staatlichen Charakter der früheren
Zeit zerstörten. Da waren vor allem die drei geistlichen Kur—
fürstentümer Mainz, Köln und Trier weggefallen. Mußte man
nun nicht das Kurfürstenkollegium ergänzen? Es geschah durch
Hessen⸗Kassel, Baden, Württemberg; mit Mühe nur setzte
sterreich auch noch ein Kurfürstentum Salzburg durch. Da
hatte man nun in der Tat zehn neue Kurfürsten, wenn sie auch
nie gekoren haben. Aber davon waren sechs protestantisch! Es
war die Mehrheit: es war der Anfang vom Ende der Kaiser—
würde des Hauses Habsburg.
Und dieser Wandlung im obersten Kollegium des Reiches
entsprachen tausend andere Wandlungen an minder hervor—
ragender Stelle.
Aber man hatte selbst damals gar nicht Zeit und es wäre
heute wahrlich erst recht verschwendete Mühe, sie alle der Reihe
nach kennen zu lernen — wie man sie auch institutionell gar
nicht mehr ordentlich entwickelt hat, obwohl der Regens—
hurger Reichstag jetzt unter dem Befehle Napoleons mit noch
nie erlebter Schnelligkeit arbeitete. Denn schon ein nächster
großer Krieg mußte das alte Reichsgebäude nach den Ver—
inderungen, die der Hauptschluß an ihm vollzogen hatte, nun
oollends umstoßen. Und dieser Krieg nahte, mit einer dritten
und letzten Koalition gegen Frankreich, schon im Jahre 1805.
Neben England und Schweden, dem hartnäckig-systematischsten
und dem passioniertesten aller Gegner Frankreichs, sind es da—
mals namentlich Hsterreich und Rußland, und an erster Stelle