Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

164 Dreiundzwanzigstes Buch. Zweites KLapitel. 
dem Napoleon jetzt in dem ihm nunmehr gänzlich ausgelieferten 
dritten“ Deutschland schaltete! 
Da befriedigte er zunächst die Parvenugelüste der „vierten 
Dynastie“, als die er seine Familie neben die alten Herrscher— 
geschlechter Europas stellte; wie er seinen Bruder Ludwig zum 
Könige von Holland, seinen Bruder Joseph zum Könige beider 
Sizilien machte, so wurde sein Schwager Joachim Murat 
Herzog von Kleve und Verg und sein Oheim, der Kardinal 
Fesch, Koadjutor Dalbergs, während sein Stiefsohn Eugen 
Beauharnais, der Vizekönig von Italien, die Prinzessin Auguste 
bon Bayern heiratete und deren Bräutigam, der Kurprinz 
Karl von Baden, mit Stephanie Beauharnais vermählt wurde, 
vie denn später sein Bruder Jéröme eine württembergische 
und sein General Berthier eine bayrische Prinzessin geheiratet 
haben. 
Man sieht: die süddeutschen Satrapen mußten das Nobi— 
litierungsmaterial für die Familie Bonaparte aus ihrem eignen 
Hause liefern. Dafür erhielten sie aber neben den gierig ein— 
genommenen Vergrößerungen, die ihnen der Sturz Osterreichs 
hrachte, auch eine als überaus wichtig betrachtete Erhöhung 
ihrer Titel und die volle Souveränität: die Kurfürsten von 
Bayern und Württemberg wurden Könige und Hsterreich 
wurde zur Anerkennung dieser Würde gezwungen; später sind 
dann noch Dalberg zum Furst-Primas“, die Fürsten Badens, 
Dessen-Darmstadts und Kleve-Bergs zu Großherzögen mit 
röniglichem Range, das Haupt des Hauses Nassau zum Herzog 
und der Graf von der Leyen, ein mächtiger Herrscher über 
weiundeinhalb Quadratmeilen, aber Neffe Dalbergs, zum Fürsten 
hefördert worden. 
Es war eine hübsche Ausstaffierung des dritten Deutsch-— 
lands, der ein blinder Souveränitätshochmut im Innern der 
einzelnen neugebackenen Staaten zur Seite ging. Nirgends 
mehr als in Württemberg. Denn nicht nur, daß hier Fried— 
rich J. die altständische Verfassung, den Stolz des Landes noch 
im 18. Jahrhundert, aufhob, da Souveränität und ständische 
Institutionen sich nicht vertrügen; der König sprach sich auch
	        
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