Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Sprengung des alten Reiches und der alten Staatsverhältnisse. 167 
Und das Heilige Römische Reich deutscher Nation? Es 
ließ sich bei lebendigem Leibe ausweiden. In Regensburg 
mußte man es erdulden, daß König Gustav Adolf von Schweden 
sich vom Reiche mit der Begründung loslöste, daß „derjenige 
nicht mehr angehört werde, der die Sprache der Ehre rede“. 
Nach dem Schwedenkönige erklärten auch die Rheinbundfürsten 
ihren Austritt, erklärte Napoleon, daß er ein Deutsches Reich 
nicht mehr kenne. Und dann erst, endlich, endlich, legte auch 
Kaiser Franz II. in einem trockenen und schlecht stilisierten 
Schriftstück die Kaiserwürde nieder, am 6. August 1806. 
III. 
Muß es nach allem Erzählten noch ausgesprochen werden, 
daß von diesem „dritten“ Deutschland für die Nation nichts 
mehr zu erwarten war? Alle Hoffnung stand allein noch auf 
den Ostmächten, auf Preußen und auf Osterreich. Aber waren 
diese unter sich einig? Mehr als je vielleicht in der deutschen 
Geschichte wurde ihr gegenseitiges Verhältnis und dessen Ent⸗ 
wicklung bis zur jüngsten Zeit hin von Wichtigkeit. 
Und da wollte es nun ein besonderes Geschick, daß die⸗ 
jenige beider Mächte, die nach dem ganzen unausweichlichen 
Zuge ihrer Entwicklung immer mehr in Deutschland hinein⸗ 
wuchs, Preußen, im Verlaufe ihres Wettbewerbes mit Hsterreich, 
der sich natürlich vor allem auf dem Gebiete der äußeren Politik 
abspielte, wie in dem Gange ihrer äußeren Politik überhaupt, 
ja sogar auch in ihrer inneren Politik, insofern diese in vor— 
übergehenden Kombinationen vom Einfluß bestimmter Persönlich⸗ 
keiten abhängig war, sich immer mehr von den deutschnationalen 
Zielen eutfernte: — während sterreich, das durch die letzten 
Dominanten seiner ganzen politischen Anlage den deutschen 
Interessen als den allein bestimmenden immer mehr entfremdet 
werden mußte, bis zum Verfalle des Reiches, wie wir gesehen 
haben, diese Ziele im ganzen festhielt — ja in gewissem Sinne 
für diese Ziele auch noch nach 1806, bis zu den Jahren 1809 
imd 1810 hin, eintrat. Wahrlich eine seltsame Konstellation,
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.