Sprengung des alten Reiches und der alten Staatsverhältnisse. 171
Er entwickelte die Heeresgewalt, deren er zur Aufrechterhaltung
dieser Kombination für jetzt und noch für lange bedurfte:
seitdem wird Brandenburg-Preußen zu jenem Kriegerstaat, dessen
Macht die Nation schließlich zusammengeschmiedet hat, und der
ein ständiges Bedürfnis noch heute ist und zu sein scheint, um
die Einheit unseres Volkes im Zentrum Europas, mitten unter
fähigen und kräftigen Nachbarn, dauernd zu sichern. Der
Große Kurfürst erst hat auch die verschlagene Diplomatie ent—
wickelt, der es gelang, die Souveränität des Landes Preußen
frei von den Ansprüchen Polens und Schwedens, den noch
überlegenen Mächten des Nordostens, hinzustellen. Ihre äußere
Bekräftigung, ihr Siegel aber erhielten die Errungenschaften
des Großen Kurfürsten erst in der Proklamation der Königs—
vürde, 1701.
Eine zweite Stufe der Entwicklung der preußischen Politik
wurde unter Friedrich dem Großen erreicht. Er errang
Schlesien und wichtige Stücke Polens und vollendete mit der
Eroberung Schlesiens zugleich den Charakter einer nordost⸗
deutschen Macht. Denn auch nach dem polnischen Zuwachs
blieb das Wesen dieser Macht deutsch; und die Fehler, die in
der zweiten und dritten Teilung Polens, 1798 und 1795,
dadurch gemacht wurden, daß Preußen zu viel polnisches Land
und polnisches Volk zugewiesen wurde, sind schon durch die
Ereignisse der Befreiungszeit wieder getilgt worden: so daß
Preußen als slawische Macht nur ganz vorübergehend Be—
deutung hatte.
Indem aber Preußen die nunmehr führende nordostdeutsche
Macht auf ganz wesentlich deutscher Grundlage wurde, hatte
es gegenüber Österreich den außerordentlichen Vorteil, im
Inneren homogen zu sein und wirklich alles auf einen deutschen
Fuß setzen zu können. Und es war schon seit Friedrich Wil—⸗
helm J. der durchgehende Grundsatz aller Regierungen gewesen,
an dieser Einheit unter allen Umständen festzuhalten: deutsche
Macht zu sein und nichts anders. Diese Auffassung hat dann
1 S. unten S. 178ff.