Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

76 Dreiundzwanzigstes Buch. Zweites UKapitel. 
erwartete. Allein auch diese Berechnung traf nicht zu, da in 
Holland die Oranien feindlichen Elemente wieder Fortschritte 
machten. 
Inzwischen war man in das Jahr 1789 eingetreten, das 
in Frankreich den Ausbruch der Revolution brachte. Und als— 
bald stellte sich heraus, daß in dem österreichischen Belgien 
zahlreiche Elemente, und nicht bloß liberale und radikale, mit der 
revolutionären Bewegung sympathisierten; Joseph II. hatte 
auch in dem streng katholischen Belgien seine antiklerikalen 
Reformen durchzuführen versucht und damit Adel und Geistlich— 
keit gegen sich aufgeregtt. Es waren Zwiste von bald fast 
zrößerer Heftigkeit als in Holland. Und wiederum mischte 
ich Preußen ein: zu gunsten nun des revolutionären Frank— 
ceichs und gegen Österreich: jetzt endlich schien es möglich, den 
zsterreichisch-tranzösischen Bund zu sprengen. 
Indes war dies bei den Fortschritten der Pariser Re— 
volution schon in der nächsten Zeit noch nötig? Unter der 
unerwarteten Explosion der revolutionären Gewalten fielen 
die diplomatischen Gewohnheiten und Kombinationen des 
Ancien régime überhaupt; Preußen wurde schließlich seinem 
ganzen Charakter nach doch auf die Seite der legitimistischen 
Mächte gedrängt, mußte die mit der Revolution angeknüpften 
Verbindungen aufgeben und erschien während des Vollzuges 
dieser Schwenkung nur zu leicht, und nicht ganz ohne Grund, 
m Lichte der Zweideutigkeit. Irgend welcher Nutzen in parti— 
ularen wie nationalen Fragen ist daher seiner Politik der Jahre 
1786 bis 1790 nicht entsprungen. 
Erleichtert wurde die Zusammenfassung der legitimistischen 
Mächte zunächst Mitteleuropas gegen Frankreich, die jetzt als 
erste politische Notwendigkeit erschien, durch den Thronwechsel 
in sterreich. Im März 1790 folgte dem Kaiser Joseph II., 
dessen zugreifende Art sterreich auch in der auswärtigen 
Politik gegenüber der Türkei in eine unhaltbare Lage verstrickt 
hatte, sein viel besonnenerer Bruder Leopold II., der zudem 
als Großherzog von Toskana in langer politischer Erfahrung 
1 S. dazu oben S. 59 ff.
	        
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