184 Dreiundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
gegen Frankreich und Napoleon geführt: und ihn in fast ganz
deutschem Interesse führen können, da eben nach Westen hin
für seine Politik nationale und partikulare Interessen zum
großen Teile zusammenfielen. Und ein Lohn wenigstens war
ihm dafür geworden: im ganzen Süden und Südwesten
Deutschlands galten seine Heere als Franzosenbefreier; hoch
klang ihr Ruhm von deutschen Lippen; und wenn die Fürsten
dieses Südens und Westens schnöden Verrat übten an
Kaiser und Reich: Österreich hat dem Reich seine Treue ge—
halten, bis ihm die Kraft weiteren Widerstandes tatsächlich
versagte.
War es da nicht gerecht, wenn Preußen für diese Frevel
durch unerhörtes Unglück gestraft wurde?
IV.
Es genügt, die Geschichte der äußeren preußischen Politik
in den zwei Jahrzehnten zwischen 1786 und 1806 zu kennen,
um die Vermutung abzuleiten, daß auch die innere Entwicklung
Preußens sprunghaft, kleinlich und unsittlich verlaufen sein muß.
König Friedrich Wilhelm II. (1786—-1797) war nicht der
unmoralisch veranlagte Mensch, als den man ihn lange hin⸗
gestellt hat. Er besaß eine Fülle vortrefflicher Eigenschaften:
er war ehrgeizig, tapfer, hohen geistigen Zielen zugänglich;
er wollte das Beste. Aber in der Tiefe seines Herzens
schlummerte ungebändigt ein unseliger sinnlicher Trieb, dem
beinahe jederlei exzentrische Aufregung gleich recht war, mochte
sie geschlechtlicher oder thaumaturgischer oder sonstwie stark
suggestiver Beschaffenheit sein. So war er Weibern und
Mystikern zugänglich: ein erstes Beispiel jener romantischen
Übermenschen unter den Fürsten, die, ein Zar Alexander J.
vorweg, später sinnliche Liebe und Bibelglauben, Mystizismus
und. Absolutismus als für sich im Grunde identisch behandeln
konnten. Nur daß er ein Frühgeborener dieser Richtung war,
wie Friedrich der Große in so vielen Stücken ein Früh—
geborener der Empfindsamkeit gewesen war; und daß darum