Sprengung des alten Reiches und der alten Staatsverhältnisse. 185
die primitiven Formen theosophisch-sinnlicher Romantik bei ihm
um so weniger schon abgerundet und aleichsam kulturbeschnitten
erscheinen.
Der König geriet, nach kurzen guten Anfängen, in die
Netze einer egoistischen Maitresse niederen Standes und in die
Fangarme der Rosenkreuzer und Theosophen Wöllner und
Bischoffwerder; und das Unglück wollte, daß sich diese beiden
Einflüsse vereinten, um ihn moralisch auszusaugen und volitisch
zu knechten.
Und so erlebte denn Preußen zuerst unter allen deutschen
Staaten, wenn auch noch in Formen, die gegenüber dem späteren
Verlaufe etwas abwichen, was man nachmals Restauration
oder Reaktion genannt haben würde: die Orgien einer feudal
und orthodox orientierten Romantik.
Zwar hat es auch unter Friedrich Wilhelm II. nicht an
fördernden Vorgängen und Maßregeln gefehlt; namentlich in
den ersten Jahren seiner Regierung erschien er den Zeit—
genossen als ein Friedrich dem Großen ebenbürtiger, wenn
nicht gar überlegener Regent; und die hergebrachte Tüchtig—
keit des ganzen Staatswesens, insbesondere der Verwaltung,
ging keineswegs alsbald verloren. Nur daß von Anbeginn
alles freier, wohlwollender, im Sinne der Zeit, die sich einem
politisch gesprochen weltfremden klassizistischen Idealismus
näherte, moderner erschien. So war Friedrich Wilhelm ein
Verehrer der neueren Musik, die Friedrich dem Großen Chari—
vari gewesen war; er spielte selbst gut Cello; das musikalische
Kunstleben in Berlin machte in den neunziger Jahren beträcht—
liche Fortschritte. So nahm sich der König der Künste und
überhaupt der Wissenschaften in nationalem Sinne an; die
Akademie wurde zu einer deutschen Gelehrtenvereinigung, das
Theater zum Schauspielhause der Schiller und Goethe;
preußische Dichter wurden gefördert; eine deutsche Malerei unter
Chodowiecki, eine deutsche Bildnerei unter Schadow schienen
emporblühen zu sollen, und nur im architektonischen Geschmacke,
in dem König Friedrich schon sehr modernen Anschauungen
gehuldigt hatte, trafen sich der große königliche Oheim und der