Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

186 Dreiundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel. 
Neffe. Aber auch sonst suchte sich der neue Herrscher in vorteil— 
haften Gegensatz zu den gewiß nicht wenigen, wenn auch zu— 
meist nur angeblichen Härten der früheren Regierung zu 
setzen; er erleichterte ziemlich leichtsinnig und ohne ander— 
weitige Deckung den Steuerdruck; er beseitigte die verhaßte 
Akzise mit ihrer französischen Verwaltung und hob das Tabaks— 
monopol auf; er gab den Getreidehandel frei; er versuchte 
der militärischen Ausbildungspraxis und dem Werbesystem im 
Heerwesen ein menschlicheres Aussehen zu geben; und an nicht 
wenigen Stellen machte er in der Tat Fehlgriffe des großen 
Friedrich gegenüber Einzelpersonen wieder gut: so sind z. B. 
Blücher und York, die Friedrich aus dem Heere entfernt hatte, 
von ihm in dieses wieder zurückgeführt worden. 
Indes all diese Reformen blieben doch auf der Oberfläche 
wie das Urteil des großen Publikums, das sie verlangte; im 
Grunde bedeuteten sie für den Charakter des Königs zu nicht 
geringem Teile schwächliches Nachgeben und Mangel an 
Selbstzucht. Und bald nahm die innere Entwicklung eine ganz 
andere Wendung. Nach oberflächlichen Verbeugungen vor dem 
Zeitgeist wurde das Regiment romantisch-willkürlich, dem wirk— 
lichen Fortschritte feindlich, in sich geistlos und darum über— 
holten Forderungen der Vergangenheit preisgegeben. Da 
blieb man, am bezeichnendsten vielleicht für den Kriegerstaat 
Preußen, sogar schon im Heerwesen deutlich zurück; die Er— 
fahrungen der Revolutionskriege hatten nur geringe Anderungen 
in der taktischen Ausbildung und in der strategischen Erziehung 
zur Folge; der König selbst arbeitete auf diesem Gebiete nicht 
entfernt so hart persönlich, wie es Friedrich der Große getan 
hatte; die Verantwortlichkeit glitt in die Sitzungen eines 
Oberkriegskollegiums hinein, das schon 1787 begründet wurde: 
als wenn auf militärischem Gebiete eine oberste kollegiale Ver— 
fassung jemals genützt hätte. Ähnlich verliefen die Dinge in 
der Verwaltung. Die tüchtige Bureaukratie aus Friedrichs 
Zeit, jetzt endlich fuür Rat und Vorschlag freier, führte zwar 
unter dem Großkanzler von Carmer einen Kampf um die Er— 
höhung ihrer beruflichen Selbständigkeit siegreich zu Ende:
	        
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