Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Sprengung des alten Reiches und der alten Staatsverhältnisse. 187 
indes die Neubildung ihrer obersten Behörden im Sinne der 
Begründung wirklicher ministerieller Sachinstanzen, ein Geschäft, 
bei dessen Abwicklung der König persönlich hätte mitwirken 
und durchgreifen müssen, unterblieb: man ging vielmehr auf 
veraltete Einrichtungen noch Friedrich Wilhelms J. zurück. 
Da ließ sich denn auf die Dauer auch der äußere liberale 
Anstrich der Regierung nicht halten. Schon im Jahre 1788 
zeigte das Erneuerte Zensuredikt für die preußischen Staaten, 
wohin man auf dem Gebiete der Geistesfreiheit, des wichtigsten 
Menschenrechts vielleicht subjektivistischer Zeiten, steuerte. Und 
allmählich folgten reaktionäre Maßregeln auch auf massiveren 
Gebieten. Die amtliche Veröffentlichung des Allgemeinen 
Landrechts, dieses schönsten juristischen Denkmals der Auf— 
klärung, wäre bei einem Haare unterblieben; die Wirtschafts— 
politik schlug um in erstickende Bevormundung und Versuche 
fiskalischer Praktik. 
Was aber vielleicht noch schlimmer war: die laxe sittliche 
Auffassung, die am Hofe einzog trotz aller Reuestunden des 
Königs, die Demoxralisation, die auch der Verwaltung nament— 
lich in den neu erworbenen polnischen Landesteilen nicht fern 
blieb, sie machte in der ganzen Bevölkerung überhaupt und be— 
sonders in Berlin erstaunliche Fortschritte. Man kann hier 
wohl sagen, daß in einem Staate wie dem preußischen, der in 
höherem Grade als der sonst eines Landes die Schöpfung 
seiner Herrscher war, das Beispiel vom Throne her besonders 
schlimm wirken mußte. Aber war dies Moment ausschlag— 
gebend? Und ist Friedrich Wilhelm II. nicht öffentlich getadelt 
worden? Unendlich ist die Zahl der Schmäh- und Schmutz- 
schriften gegen ihn in diesen Zeiten. Doch schon auf diesem 
Felde ist es bezeichnend, daß fast jede größere deutsche Stadt 
der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, die fortschritt, auch 
eine stetig anwachsende Pamphletliteratur gehabt hat, so in 
hohem Grade z. B. Leipzig. 
Die Gründe des auffallenden Verfalles lagen tiefer. Der 
steigende Subjektivismus hatte in immer weiteren Kreisen die 
alten sittlichen Dominanten des vorhergehenden Zeitalters auf—
	        
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