188 Dreiundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
gelöst. Aber noch waren keine Dominanten einer neuen sub—
jektiven Moral deutlich entwickelt. Sicherlich litten darunter
die höchsten und kräftigsten Geister nur wenig; sie fanden den
sittlichen Schwerpunkt ihres Daseins gleichwohl wenn auch nur
in energischster Arbeit und Selbstzucht: nichts ist in dieser
Hinsicht lehrreicher als die Wandlungen des Lebens in Weimar,
der Hochburg des Klassizismus. Aber in der Breite war die
Auflösung um so merklicher. Im Jahre 1808 hat Goethe,
dieser feinste Beobachter und insofern größte Historiker seiner
Zeit, bemerkt: die Kunst, sich auf sich selbst zu stellen, habe
jetzt ihre Höhe erreicht; jedes Individuum werfe sich in das
Unendliche, wolle eine Welt rein aus sich erzeugen. Und er
hat von dieser Beobachtung aus aufs entschiedenste eine neue
Zusammenfassung gefordert, sonst werde der sittliche und in—
tellektuelle Kosmos gefährdet bleiben: zugleich freilich auch den
Deutschen die geistige Herrschaft über die Welt geweissagt,
wenn ihnen diese Zusammenfassung gelänge.
Das Leben in Berlin und auch sonst vielfach, vor allem
aber eben in Berlin, dem Hauptsitze der Romantik, war schon
im letzten Jahrzehnt des 18. wie in den ersten Jahren des
19. Jahrhunderts besonders bezeichnend für diesen Verlust der
sittlichen Dominanten. Denn hier, auf kolonialem Boden, war
man, zeigte sich die Möglichkeit dazu, geneigt, sich besonders
radikal auszuleben, ja besonders brutal: noch reflektierten
dann in den sittlichen Ausschweifungen die Herrenneigungen
von Kolonisten, die ein fremdes, slawisches Volkstum unter—
drückt hatten. Sehr natürlich, daß unter dieser Krankheits⸗
disposition, neben aller Tagesroheit, besonders die feinsten
Kulturelemente litten. Vor allem die Religion. Da die neuen
Frömmigkeitsahnungen des subjektivistischen Zeitalters, die noch
kaum mehr waren als Sehnsucht nach einer neuen, subjektiv
gehaltenen religiösen Beruhigung, den Anforderungen nicht
genügten, so ergab man sich einer wüsten Theosophie, wie sie
an die Lehren u. a. auch der Rosenkreuzer anknüpfen konnte,
und verband diese, wie so oft religiöse Ausgeburten, mit den
Ausschweifungen sexueller Sinnlichkeit. Und indem die innere