Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Sprengung des alten Reiches und der alten Staatsverhältnisse. 191 
Köckeritz. Männer von Geist und edler Leidenschaft dagegen 
gediehen nicht in der Luft königlich-persönlichen Umgangs. 
Und mit diesen Männern hätte dieser König den zu— 
nehmenden Verfall des Staates aufhalten sollen? Zögern im 
großen und kleinen war seine Losung, so vertrauensvoll Nation 
und Gesellschaft anfangs durchgreifenden Reformen entgegen— 
sahen, und eben sein Biedersinn ward seine Schuld, sein Un— 
glück. Zwar räumte er, da ihn hier ein klarer sittlicher In— 
stinkt leitete, alsbald mit dem Spuke der Lichtenau, Wöllner 
und Bischoffwerder auf, schonte auch sonst Personen nicht 
und suchte in Heer und Verwaltung beim Mangel an eigenen 
Gedanken Anhalt an der Ideenwelt der friderizianischen Zeit. 
Aber war denn dieser Konservatismus angebracht auch nur 
im Sinne des großen Friedrich selber? Vor allem die Armee 
hatte dies System zu büßen. Gewiß: sie wurde auf 250000 
Mann erhöht, sie erhielt ein verbessertes Proviant- und Muni— 
tionswesen. Doch das waren die Mittel nicht, womit man die 
Massenheere der Revolution besiegen, die Feldherrnkunst ver— 
änderter Zeiten hätte meistern können. 
Für Napoleon stand es wohl schon um die Wende des 
Jahrhunderts fest, daß er sich des lästigen Gegners an Nord⸗ 
see und Baltikum entledigen müsse. Zur Gewißheit wurde ihm 
das, als Preußen den impotenten Versuch gemacht hatte, 
zwischen ihm und der dritten Koalition bewaffnet zu ver— 
mitteln — und sich darauf mit französischer Unterstützung in 
dem Schönbrunner Vertrage durch Annahme von Hannover 
gegenüber England und gegenüber der deutschen Fürstenwelt 
die schlimmste moralische Blöße gegeben hatte. Und man darf 
fragen, ob der Abschluß dieses Vertrages seitens Napoleons 
nicht im Grunde schon ein wohlberechneter Akt der Feindselig⸗ 
keit war. 
Auch Friedrich Wilhelm III. ahnte wohl etwas von dem 
drohenden Schicksal; schon im April 1804 näherte er sich aus 
diesem Empfinden her Rußland. Doch immer wieder blieb er 
mit seinen Entschlüssen an dem Phantom der Neutralität des 
Demarkationsgebietes kleben: so sehr es ihm auch durch Über—
	        
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