192 J Dreiundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
griffe Napoleons im Grunde zerstört wurde. Und erst nach
dem Preßburger Frieden, als Napoleon dasselbe Hannover,
das er eben erst Preußen überlassen hatte, nun an England
zurückzuschenken vorhatte, begann er klar zu sehen. „Wenn
Napoleon mit London über Hannover verhandelt,“ hat er am
9. November 1805 an den Zaren geschrieben, „so will er mich
verderben.“
Inzwischen aber hatte Napoleon diplomatisch schon längst
das Netz über dem Nacken des Königs zusammengezogen. Ge—
wiß hatte Preußen unterdes das gute Verhältnis zu Rußland
zu fördern gesucht, allein Napoleon hatte dem Zaren im
Sultan Selim von anderer Seite her einen Gegner erweckt,
der es verhinderte, daß Rußland dem bedrohten Preußen
wirksam zu Hilfe kam. Im übrigen aber sah sich Preußen
von den deutschen Fürsten so gut wie verlassen. Wo blieb
der Traum noch letzter Zeiten, unter Zustimmung der nord—
und mitteldeutschen Fürsten eine norddeutsche Hegemonie, wenn
nicht gar ein Kaisertum der preußischen Krone analog einer
ähnlichen Stellung der neuen österreichischen Kaiserkrone im
Süden zu errichten? Nur der Kurfürst von Hessen-Kassel
hielt im Westen in entscheidender Stunde wenigstens auf seine
Neutralität; töricht genug glaubte er, sich mit dieser Nicht—
einmischung für alle Fälle zu sichern, und verfiel damit natür—
lich der Rache Napoleons. Im übrigen hielt nur noch das
von Preußen militärisch beherrschte Kursachsen als verbündet
bei ihm aus: aber auf wie lange? Es war vorauszusehen,
daß der Kurfürst, der nicht mit dem Herzen auf der preußischen
Seite stand, bei entschiedenen Fortschritten Napoleons mit
diesem Frieden, ja Front gegen den bisherigen Alliierten machen
werde.
Als nun aber der Krieg nahte, als die französischen
Truppenbewegungen in Süd- und Westdeutschland nicht mehr
anders als gegen Preußen gehend gedeutet werden konnten,
als sich die Heeresteile einer gewaltigen Armee schließlich am
Main, um Wuürzburg, zum Übergange über den Thüringer⸗
wald vornehmlich in das Saaletal hinab zusammenzogen: da