Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

196 Dreiundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel. 
dort Gneisenau und Schill die Verteidigung leiteten und Nettel⸗ 
heck den Mut der Bürger aufrecht hielt. 
Aber wie falsch wären die berichtet, die in dem allgemeinen 
Zusammenbruch von Unwissenheit, Feigheit und Hochmut selbst 
in diesem Augenblicke nichts sehen wollten als den Verfall 
eines alten, des friderizianischen militärischen Systems! In 
dem „Essai sur les formes de gouvernement“ Friedrichs des 
Großen aus dem Jahre 1777, aus den späten Jahren also 
des Großen Königs, findet sich über das Heerwesen der Satz: 
„Si de nouvelles découvertes se font encore, ce sera une 
nécessits que les géenéraux de ces temps là se préôtent à 
des nouveautés et changent à notre tactique ce qui exige 
rorrection.“ Nein, nicht Friedrich der Große wurde bei Jena 
und Auerstädt besiegt, sondern die neueren Zeiten. Darum 
war der Verfall keineswegs auf das Heer beschränkt. Ihm 
folgte erst recht die Verwaltung. Und dieselben Eigenschaften 
bedingten auch hier das Unglück. Die Zeit, dem phantasievoll 
und denkhaft Großen zugewandt, hatte in der Verwaltung 
die Gabe harter Behandlung des Tatsächlichen verloren. Ein 
Kosmopolitismus war eingezogen, der die Entwicklung eines 
gesunden neuen Staatsgefühls, wie es an sich den Kreisen der 
neuen Lebenshaltung nicht fern lag, einstweilen hinderte; dem 
ging eine Milde und schwache Weitherzigkeit politischen 
Handelns auch im kleinen, bis herunter in die unteren Kreise 
der Administration, zur Seite, die vor jedem Einspruche er—⸗ 
schrak und jeder Gegenwirkung nachgab; und eine aufwuchernde 
Geistreichelei sorgte dafür, für das Für und für das Wider 
jeder Maßregel Gründe zu finden. Konnten Behörden, die in 
dieser Luft lebten, die zudem noch von nur wenigen der 
Gängelbänder einer vielregierenden Aufklärungszeit entbunden 
worden waren, gegenüber der Brutalität des fremden Siegers 
standhalten? Dieses Siegers, den die öffentliche Meinung, 
und nicht am wenigsten die Berliner, vergötterte? Da kann 
man in der zeitgenössischen Presse lesen, daß Napoleon mitten 
unter allen seinen unermeßlichen Beschäftigungen jene Leut— 
seligkeit bewahrt habe, die alle Herzen gewinne. Und ein
	        
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