204 Dreiundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
sinnung deutlich als eine notwendige Ergänzung zu den indi—
viduell halb unbewußten kollektivistischen Gliederungen des
mittelalterlichen Menschenlebens erkannt. Und Goethe schon
ist es gewesen, der diese, den tiefsten Grund des individua—
listischen Zeitalters bloßlegende Beobachtung wenigstens in
rohen Formen gemacht und damit schon seine Welt wiederum
von der der Renaissance geschieden hat.
Aber bei Goethe findet sich auch der Spruch: „Der
Despotismus fördert die Autokratie eines jeden, indem er von
oben bis unten die Verantwortlichkeit dem Individuum zu—
mutet und so den höchsten Grad von Tätigkeit hervorbringt“.
Läßt sich diesen Worten nicht die Folgerung entnehmen, daß
auch der Absolutismus des 16. bis 18. Jahrhunderts der
Fortentwicklung zum politischen, sozialen, ökonomischen Sub⸗
jektivismus wesentlich zugute gekommen sein müsse? Und liegt
in ihnen nicht in der Tat für das rein politische Gebiet eine
Wahrheit? Hat nicht die absolute Monarchie durch ihre
Pulverisierung der Massen und damit deren verhältnismäßige
Versubjektivierung die Demokratie des 19. Jahrhunderts vor⸗
bereitet? Ja selbst für die Begrundung der ökonomischen und
sozialen Freiheit sind der absoluten Monarchie gewisse Ver—⸗
dienste nicht abzustreiten. Mindestens das ließe sich behaupten,
daß sich von den alten merkantilistisch aufgebauten Staaten⸗
systemen des Absolutismus gerade die glänzendsten, Holland,
England, auch Spanien, in ihrer Unterbindung der wirtschaft⸗
lichen Freiheit nicht dauerhaft erwiesen: die wirtschaftliche
Endosmose der europäischen Staaten nahm trotz ihrer Politik
derart zu, daß zu einem Freihandel übergegangen werden
mußte, dessen System noch bis in die Freihandelsära der
Jahre 18600 bis 1875 hin fortleitet. Und wurde nicht in
dieser immer freieren wirtschaftlichen Konkurrenz der Staaten
zugleich ein vertiefter Begriff der Nationen gewonnen? Denn
die Völker im Grunde, nicht die Regierungen waren die
Zentren der ineinander flutenden Wirtschaftskreise. Die klare
Scheidung und Erkenntnis der nationalen Unterschiede aber
hat erst die Massen bewußt individualisiert und zu ge—