Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Liquidation der alten Formen des wirtschaftl. u. sozialen Lebens. 213 
Und sicher steht, daß dessen Aussprache im Denken der franzö— 
sischen Revolution, vor allem in deren Lehre von den Menschen⸗ 
rechten, eindringenden Widerhall gefunden hat. 
Es ist hier nicht der Ort, eingehender von den Gründen 
und Ursachen der französischen Revolution zu sprechen. Genug, 
daß Frankreich in derselben Zeit, in der anderswo die absolute 
Monarchie in ihren aufgeklärten Stadien sich von sich aus 
anschickte, die mittelalterliche Weltordnung im Sinne jüngerer 
Entwicklungsrichtungen umzugestalten, hinter diesen Fortschritten 
weit zurückgeblieben war. Der Höhepunkt des bourbonischen 
Absolutismus war schon unter Ludwig XIV. erreicht worden: 
das blieb die Schuld der Nachfolger, und ihre Versäumnisse 
nährten die revolutionären Keime. Die Revolution aber hat 
dann, ein Jahrfunft nach Friedrichs des Großen Tode, ge— 
bracht, was noch heute unter staatsbürgerlicher Freiheit ver— 
standen wird: Selbstverwaltung der Gemeinden, Wegfall des 
behördlichen Bevormundungsprinzips, selbständige Stellung der 
Verwaltung neben den Vertretern der Regierungsform, Selb⸗ 
ständigkeit endlich einer Volksvertretung neben Verwaltung 
und Exekutive. Schien es da nicht wirklich so, wie Goethe es 
einmal angedeutet hat, daß, was vor der Revolution Bestreben 
gewesen, nun alles Forderung geworden war? Denn schroff 
dor allem und schneidend scharf gegen jede andere Praxis ge— 
wandt waren die Postulate, die jetzt in Frankreich gestellt 
wurden. Um nochmals Goethe zu hören: „Die französische 
Nation ist eine Nation der Extreme; in nichts kennt sie Maß. 
Mit einer ungeheuren intellektuellen und physischen Kraft aus⸗ 
gestattet, könnte sie die Welt heben, wenn sie den Mittelpunkt 
zu finden verstände; sie scheint es aber nicht zu wissen, daß 
man, um große Gewichte zu heben, ihren Mittelpunkt auffinden 
muß. Es ist das die einzige Nation in der Welt, in deren 
Geschichte wir das Gemetzel der St. Bartholomäusnacht und 
das Fest der Vernunft finden; die Willkür Ludwigs XIV. und 
die Zugellosigkeit der Sansculotten; fast in demselben Jahre 
die Einnahme Moskaus und die UÜbergabe von Paris.“ In 
diesen Beobachtungen erscheint dicht beieinander gebettet, was
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.