Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

214 Dreiundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel. 
die Revolution für die Fremden, insbesondere die Deutschen, 
so furchtbar und fruchtlos, für die Franzosen aber in ihren 
Wirkungen so zweischneidig gemacht hat: die Plötzlichkeit der 
Vorgänge und der Radikalismus der Forderungen. 
Das Verhältnis, in welches sich die Bevölkerung Deutsch— 
lands zu den unerhörten Nachrichten aus Frankreich setzte, war 
anfangs für die neuen Forderungen nicht ungünstig. Zwar 
Kaufleute und Adlige, Konservative von Geburt und Beruf wie 
aus Neigung und Geschäft, befürchteten anfangs Anarchie und 
schlimme Zeiten. Aber die denkenden Köpfe aus dem Bürger— 
stande, vornweg ein Klopstock, Schlözer, Kant, die teilweise schon 
für den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg geschwärmt hatten, 
sympathisierten mit den Grundtendenzen der Bewegung; und 
ihnen hing die zahlreiche Klasse der Ideologen an. Aber auch 
an den Höfen war die Stimmung anfangs nicht absprechend. 
Später freilich wurde man bedenklicher, und Männer, die sich 
von vornherein zurückhaltend geäußert hatten, so Goethe, auch 
Schiller, überhaupt die Klassizisten, behielten recht: min⸗ 
destens billigte man die Wege je länger je weniger, auf denen 
die Verwirklichung der an sich vielleicht hohen Ideale gesucht 
wurde. 
Vor allem aber: all diese Stimmungen, freundliche und 
unfreundliche, waren platonisch. Fiel es in Deutschland etwa 
jemand ein, für das Vaterland als Ganzes zu fordern, was 
in Frankreich erstrebt wurde? Höchstens daß man einem 
Fürsten submissest den Rat gab, einige besonders auffällige 
Seiten des Ancien Bégime zu beseitigen — und daß dies 
zumeist mit Erfolg geschah. Es gärte dabei wohl ein wenig 
in der Jugend, man feierte Freiheitsfeste, schritt wohl gar zu 
kleinen Insubordinationen fort, die mit Rebellion eigentlich 
nichts zu tun hatten: aber von einem innerlich gefühlten Be— 
dürfnisse radikaler Anderungen war kaum die Rede. 
Da kamen die Franzosen über den Rhein! Zunächst als 
Feinde, im Wechselgange der Koalitionskriege bald Sieger, 
bald besiegt, dann als erobernde Befreier, dauernd, voll 
cepublikanischen Eifers, und schließlich aufgehend in der Strenge
	        
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