Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Liquidation der alten Formen des wirtschaftl. u. sozialen Lebens. 225 
fronden entwickelt und aus beiden, als einem generellen Aus— 
drucke der Landeshoheit, Dienste und Zinse sehr verschiedener 
Art überhaupt abgeleitet und ausgestaltet worden. Diese 
Leistungen nun, in denen sich nicht selten der konkreteste In— 
halt der Landeshoheit darstellte, waren inzwischen ihrer ur— 
sprünglichen Beziehung und Bedeutung oft entkleidet worden; 
sie lagen einfach als Renten und Pflichten auf gewissen Ge— 
meinden, Höfen, Äckern; und es bedurfte dringend der Liqui— 
dation der völlig sinnlos gewordenen Belastung. 
Zu diesen Überbleibseln des Alten auf dem Gebiete des 
— 
noch viel häufigere und stärker drückende Reste der späteren 
sozialen Entwicklung. 
Es versteht sich dabei, daß diese Reste nicht eigentlich bis 
in die Urzeit zurückreichten: denn diese kannte noch keine 
durchgeführte soziale Schichtung: d. h. eine Entwicklung, in der 
auf Grund stark ungleicher Verteilung von Grund und Boden 
sich innerhalb der nationalen Gemeinschaft etwa schon herrschende 
und dienende Schichten entgegengetreten wären. Dennoch reicht 
eine Wurzel schärfster sozialer Ungleichheit bis in diese Zeiten 
zurück. Die Germanen hatten Sklaven: weniger deutschen 
Ursprungs, zumeist fremde Kriegsgefangene, die, rechtlich nicht 
als volle Menschen, als Subjekte von Rechten anerkannt, unter 
ihnen zur Bestellung des Bodens hausten. Es war ein Teil 
der Bevölkerung, der mit der Nation doch allmählich verschmolzen 
ist und darum bereits im eigentlichen früheren Mittelalter 
als Volksbestandteil der Unfreien fortlebte. Und es ist denkbar, 
daß hier und da Beziehungen späterer Leibeigenschaft bis auf 
diese Zusammenhänge zurückgehen. 
Im übrigen freilich bildete sich in den Zeiten organi⸗ 
satorischer Naturalwirtschaft, vom 7. etwa bis zum 18. Jahr— 
hundert, das Verhältnis zwischen agrarisch dienenden und 
agrarisch herrschenden Schichten in anderer Weise aus. Die 
dienenden Schichten der Grundherrschaft, jener gewaltigen, in 
so vielen Hunderten stattlicher Exemplare ausgebildeten In— 
Lamprecht, Deutsche Geschichte. IX. 15
	        
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