Ciquidation der alten Formen des wirtschaftl. u. sozialen Lebens. 229
mochte auch das erste sich als das bevölkertste und am frühesten
und reichsten zur Geldwirtschaft entwickelte erweisen, während
das zweite manche alten Erscheinungen neben verhältnismäßig
viel jungen Bildungen umfaßte, so waren sie doch beide vor allem
mutterländischen Charakters. Das dritte, grundsätzlich koloniale
Gebiet dagegen hob sich durch die Probleme, welche die Liqui⸗
dation besonders zahlreicher Dienste darbot, in sichtlicher Weise
von den beiden andern ab.
Der Gedanke der Liquidation der alten agrarischen Ver⸗
hältnisse aber, der ländlichen Gebundenheit in sozialer wie
namentlich wirtschaftlicher Hinsicht, ist keineswegs erst im
18. Jahrbundert oder gar erst an der Wende des Jahrhunderts
zum ersten Male gefaßt worden. Er ist vielmehr bei weitem
älter.
Vor allem im Mutterlande. Hier mochten die erbzins⸗
lichen Verhältnisse im 15. und 16. Jahrhundert noch einiger⸗
maßen modern und als ungefähr entsprechender Ausdruck der
Höhe des damaligen Wirtschaftslebens erscheinen; die älteren
grundherrlichen Lasten dagegen mußten, wenn auch vielleicht
nicht in wirtschaftlich zurückgebliebenen Gebieten, wie Bayern,
so doch sicherlich am Rhein als antiquiert und drückend
empfunden werden. Und das in diesen Gebieten um so mehr,
als in ihnen zugleich die agrarischen Einrichtungen und Sitten
der Markgenossenschaft durch Ubervölkerung schon aufs schwerste
entstellt worden waren und die Geldwirtschaft den Staat aufs
entschiedenste zur Ausbildung einer Steuerverfassung und zur
Erhöhung der Steuern vorwärts drängte: die dann nach Lage
der Dinge — die größeren Städte waren selbständige
Republiken — wiederum wesentlich auf die Schultern der an
sich schon so belasteten ländlichen Klassen gelegt werden mußten.
Der Ausdruck dieser Situation sind die gegen Ausgang des
Mittelalters stetig wiederholten Versuche zu gewaltsamer
Reform in diesen Gegenden, die Bauernrevolutionen des
15. Jahrhunderts und der große Bauernkrieg der Jahre 1524
und 1525.