Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

230 Dreiundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel. 
Wurden diese Versuche in den westlichen Teilen des Reiches 
nicht wiederholt, während sie in den Alpengebieten des Süd— 
ostens, wenn auch mit teilweise veränderter Tendenz, fortwährten, 
so war die Hauptursache dafür wohl die immer schwerere 
volkswirtschaftliche Depression, die seit etwa Mitte des 16. Jahr⸗ 
hunderts für Deutschland begann. Sie hatte einen Rückgang 
des ganzen Wirtschaftslebens im Sinne des Wiederemportauchens 
naturalwirtschaftlicher Tendenzen zur Folge, mit deren er— 
neutem Auftreten die agrarischen Verhältnisse sicher besser über⸗ 
einstimmten als mit einem energischen geldwirtschaftlichen Fort⸗ 
schritt. Später mag dann auch die wirtschaftliche Not und 
die Entvölkerung, die der Dreißigjährige Krieg mit sich brachte, 
nicht wenig zur Zurückdrängung aller Liquidationsbestrebungen 
beigetragen haben. 
Insbesondere mochte das um die Mitte des 17. Jahrhunderts 
für den kolonialen Osten gelten. Denn waren in seinem Be⸗ 
reiche die Schäden der bäuerlichen Entwicklung überhaupt erst 
seit dem 15., ja dem 16. Jahrhundert aufgetreten, so daß der 
Verfallseindruck noch weniger stark und befestigt war als im 
Mutterland, so wirkte nach allem, was man über die stärkere 
Verwahrlosung eben des Ostens durch den Großen Krieg weiß, 
hier auch die verschiebende und namentlich die zurückhaltende 
Tendenz der Entwicklung wahrscheinlich noch viel stärker als 
im Westen. 
Dennoch gehört die Überzeugung von einer gewissen 
Reformbedürftigkeit der agrarischen Klassen und Zustände oder 
wenigstens die Überzeugung, daß man in die agrarischen Ver⸗ 
hältnisse gesetzgeberisch eingreifen müsse, gegen Ende des 
17. Jahrhunderts schon vielfach zum allgemeinen Bestande 
deutschen politischen Denkens. Nur daß sich dabei die absolute 
Monarchie der Reform auf Grund solcher Überzeugungen in 
ihrer Weise und nach Maßgabe ihrer Interessen annahm. 
Und da handelte es sich denn nicht so sehr um eine 
irgendwie objektiv geplante Gesellschafts- oder Wirtschafts⸗ 
reform, als um gleichzeitige Wahrung der finanziellen und 
militärischen Interessen des Absolutismus.
	        
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